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Der Realismus des globalen Optimismus

PRAGUE – Man braucht nur eine Zeitung zu lesen oder die Nachrichten zu sehen, um den Eindruck zu gewinnen, es sei immer schlechter um die Welt bestellt. Ein Problem nach dem anderen wird beleuchtet. Je mehr Tod, Zerstörung und Verzweiflung, desto besser. Wie ein dänischer Journalist jüngst formulierte: „Eine gute Geschichte ist normalerweise eine schlechte Nachricht.“

Nur höchst selten erfahren wir, dass die Dinge besser laufen. Wenn dies geschieht, freuen wir uns, aber wir fühlen uns auch gleichzeitig schuldig. Also denken wir oft, dass sich die Welt in einem schlechteren Zustand befindet, als es tatsächlich der Fall ist – selbst wenn wir denken, dass sich unser eigenes Leben verbessert.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Seit 1978 werden amerikanische Konsumenten gefragt, ob ihre aktuelle finanzielle Situation besser oder schlechter ist als im Jahr zuvor. In den vergangenen 25 Jahren haben durchschnittlich 38 Prozent angegeben, dass es ihnen besser ginge, gegenüber 32 Prozent, denen es schlechter ging. Aber wenn dieselbe Frage über die allgemeine wirtschaftliche Situation der USA gestellt wird, geben 47 Prozent an, die Wirtschaft habe sich verschlechtert, verglichen mit 38 Prozent, die der Meinung sind, der Wirtschaft gehe es besser. Mehr Menschen denken, ihr Leben verbessere sich, während es anderen schlechter gehe, möglicherweise weil sie dem ständigen Einfluss von Journalisten ausgesetzt sind, die schlechte Nachrichten verbreiten.

Das Phänomen beschränkt sich nicht auf die Vereinigten Staaten. Seit 1977 befragt Gallup International Menschen in der ganzen Welt, ob sie glauben, ihr Leben werde sich innerhalb des kommenden Jahres im Vergleich zum vergangenen verbessern. Für 2014 erwarten fast 50 Prozent der Befragten eine Verbesserung, nur 20 Prozent glauben, es werde ihnen schlechter gehen. Werden sie aber über ihre Meinung zur Weltwirtschaft befragt, glauben fast genauso viel an eine Verbesserung, nämlich 32 Prozent, wie an eine Verschlechterung, nämlich 30 Prozent.

Es ist also sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten und anzuerkennen, dass viele Indikatoren darauf hinweisen, dass sich die Welt verbessert. Neue Daten von der Weltbank zeigen, dass sich der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, in den vergangenen 30 Jahren halbiert hat, von 42 Prozent der globalen Bevölkerung 1981 auf 17 Prozent 2010. Während 1,2 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern noch immer von weniger als 1,25 US-Dollar leben – ein Problem, dass dringend angegangen werden muss – war die Quote extremer Armut noch nie so niedrig. Ökonomen schätzen, dass 1820 mehr als 80 Prozent aller Menschen in extremer Armut lebten.

Gleichermaßen sind die bemerkenswerten Verbesserungen in der Bildung zu berücksichtigen. Analphabetismus betrifft noch immer 20 Prozent der Weltbevölkerung, doch diese Zahl bedeutet einen deutlichen Rückgang von den geschätzten 70 Prozent im Jahr 1900. Im wohlhabenden Westen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts schnelle Zunahmen der Alphabetisierungsquote erreicht. In Entwicklungsländern wurden zwischen 1970 und 2000 ähnliche große (und andauernde) Fortschritte erzielt, wobei die größte Verbesserung auf China fällt.

Die Kosten einer schlechten Bildung sind erheblich. Pakistan und Südkorea zum Beispiel waren 1950 mit einem vergleichbaren Bildungsstand am Start. Heute hat ein Koreaner durchschnittlich zwölf Jahre Schulbildung, ein Pakistaner weniger als sechs. Südkoreas Pro-Kopf-Einkommen hat sich in dieser Zeit verdreiundzwanzigfacht, das Pakistans lediglich verdreifacht.

Zusammen mit dem Copenhagen Consensus haben Ökonomen versucht, die Kosten des Analphabetismus‘ zu bewerten. Wir schätzen, dass die Welt um 240 Milliarden reicher wäre (inflationsbereinigt), hätte es 1900 keinen Analphabetismus gegeben, das entspricht etwa 12 Prozent des damaligen globalen Bruttoinlandsproduktes. Man kann also sagen, das globale Analphabetismus-Problem hat die Welt 12 Prozent ihres BIP gekostet. Heute liegen die Kosten des globalen Analphabetismus‘ bei 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Bis 2050, wenn der Analphabetismus ca. 12 Prozent erreichen wird, werden die Kosten auf lediglich 3,8 Prozent des BIP gesunken sein.

Gleichermaßen bringt Krieg hohe wirtschaftliche und menschliche Kosten mit sich. Aber obwohl die Bilder, die wir davon sehen, genauer und plastischer sind als jemals zuvor, ist unsere Wahrnehmung, Konflikt sei allgegenwärtig, falsch. Im 20. Jahrhundert haben bewaffnete Konflikte 140 Millionen Menschen das Leben gekostet, einschließlich der 78-79 Millionen der beiden Weltkriege.

Die gute Nachricht, die nicht oft veröffentlicht wird (eben weil sie gut ist), ist, dass Szenarien, in welchen die Militärausgaben in der Zukunft höher, gleich oder niedriger sind als in der Zukunft, darauf hindeuten, dass die hohen militärischen Kosten des 20. Jahrhunderts zu etwas werden, was wie eine dauerhafte Friedensdividende aussieht. Der Erste Weltkrieg hat circa 20 Prozent des globalen BIP gekostet, der Zweite Weltkrieg fast doppelt soviel.

Hinsichtlich der Kosten der Konflikte schätzen die Ökonomen des Copenhagen Consensus die tatsächlichen Kosten der globalen Militärausgaben. Wenn wir dazu die Leben rechnen, die im Kampf verloren gehen, steigt die Schätzung um circa 50 Prozent.

Nach diesen Schätzungen betrugen die militärischen Kosten im 20. Jahrhundert jährlich durchschnittlich fünf Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes. Aber seit dem Höchststand während des Koreakriegs mit sieben Prozent sind die globalen Kosten ständig gesunken, fielen 1980 auf drei Prozent und liegen jetzt bei circa 1,7 Prozent. Auch die pessimistischeren Prognosen gehen von einer Zunahme auf lediglich 1,8 Prozent bis 2050 aus, in optimistischere Szenarien sinken die militärischen Ausgaben weiter bis auf 1,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

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Es gibt noch immer viele Probleme in der Welt, wie wir täglich aus den Medien erfahren. Und wir müssen uns auf die Beseitigung von Armut, die Bekämpfung des Analphabetismus und die Förderung des Friedens konzentrieren. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Welt insgesamt ein besserer Ort ist, als wir denken.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.