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Bin Ladens Geist

LONDON – Osama bin Ladens Tod in seinem pakistanischen Versteck ist wie die Entfernung eines Krebsgeschwürs aus der muslimischen Welt. Allerdings bedarf es einer aggressiven Nachbehandlung, um eine Metastasierung zu verhindern, im Zuge derer die verbliebenen Al-Kaida-Zellen noch mehr Anhänger rekrutieren, die Gewalt als ein Mittel zur „Reinigung“ und Stärkung des Islam sehen.

Glücklicherweise kommt Bin Ladens Tod zu einem Zeitpunkt, da große Teile der islamischen Welt genau durch jene Behandlung erschüttert werden, die Bin Ladens Art des Fanatismus erfordert: dem arabischen Frühling mit seinen Forderungen nach verstärkter demokratischer Mitwirkung (und – zumindest bislang – die Abwesenheit von Forderungen nach islamischer Herrschaft wie sie die Al-Kaida etablieren wollte). 

Aber können die aufkeimenden Demokratien, die in Ägypten und Tunesien entstehen und die man in Bahrain, Libyen, Syrien, dem Jemen und anderswo anstrebt, mit den Bedrohungen durch die islamischen Extremisten fertig werden? Kann man vor allem das salafitisch/wahhabitische Gedankengut bezwingen, in dessen Geist Osama bin Laden und seinesgleichen lange florierten und das die erklärte und geschützte Ideologie Saudi Arabiens bleibt?  

Tatsache ist, dass die aufkommenden arabischen Revolutionen bereits vor der US-Operation zur Tötung der Al-Kaida Symbolfigur Bin Laden, in wenigen Monaten genauso viel zur Marginalisierung und Schwächung seiner Terrorbewegung in der islamischen Welt beigetragen haben, wie der Krieg gegen den Terror in einem ganzen Jahrzehnt. Ungeachtet ihres Ausgangs entlarven diese Revolutionen die Philosophie und das Verhalten Bin Ladens und seiner Anhänger nicht nur als illegitim und inhuman, sondern auch als ungeeignet, um für gewöhnliche Muslime bessere Lebensbedingungen zu schaffen.