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Bin Laden machte Schlagzeilen, aber nicht Geschichte

LONDON – Zehn Jahre nach 9/11 wird die Gegenwartsgeschichte gerade geschrieben. In der französischen Tageszeitung Le Monde erschien zum Gedenken an die Ereignisse eine überaus kluge Beilage, in der diese Zeit als „das Jahrzehnt Bin Ladens“ bezeichnet wurde. Aber stimmt das auch?

In den zehn Jahren nach 9/11 stieg das Gesamt-BIP von Brasilien, Russland, Indien und China (der BRIC-Staaten) als Anteil an der Weltwirtschaft von 8,4 Prozent auf 18,3 Prozent. Der Kapitalismus angelsächsischer Prägung stürzte ab.  

Außerdem stieg die Zahl der Internet-User in diesem Jahrzehnt weltweit von 360 Millionen Menschen im Jahr 2000 auf über zwei Milliarden heute. Dieses Jahrzehnt war einerseits geprägt vom Irak-Krieg, der die Welt spaltete, andererseits aber auch von Bürgerbewegungen für die Freiheit, die schließlich den Nahen und Mittleren Osten erreichten, wo sich Millionen Muslime für demokratische Regierungsführung und nicht für einen globalen Dschihad engagierten.

Keine dieser Entwicklungen war das Werk Osama bin Ladens. Natürlich war (und ist) die Al-Kaida eine neue und ernstzunehmende Art der Bedrohung. Entstanden aus 30 Jahren Tumult in der muslimischen Welt, verfügt die Al-Kaida nicht nur über eine lokale Perspektive, sondern über ein Weltbild. Die Organisation strebt nicht bloß Veränderungen an, sondern eine Revolution.