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Avatar und die Imperialpolitik

NEW YORK: Gibt es bei Nationen psychologische Prozesse – sogar Freud’sche Prozesse wie z.B. kollektive Egos, die verletzt werden, und verdrängte Schuldgefühle, die aus dem kollektiven Unterbewusstsein nach oben drängen können –, ganz so, wie das bei Menschen der Fall ist? Ich glaube ja.

Und ich bin der Ansicht, dass ganz so, wie sich in den Träumen und Versprechern eines Menschen sein verdrängtes Wissen erkennen lässt, auch in der „Traumarbeit“ einer Kultur – in ihren Filmen, ihrer Popmusik, ihren darstellenden Künsten und selbst in den resonierenden Witzen, Cartoons und Werbebildern – die Signale dieses kollektiven Unterbewusstseins zum Ausdruck kommen. Mehr noch: Oft spiegelt die „irrationale Traumarbeit“ einer Nation ihren tatsächlichen Zustand wahrheitsgetreuer wider als ihr „Ich“ – ihre offiziellen Verkündigungen, diplomatischen Erklärungen und ihre Propaganda.

Lassen Sie uns nun diese Theorie an James Camerons Avatar anlegen und dabei auf zwei aufschlussreiche Themen achten: die rohe, schuldbelastete Matrix des amerikanischen Unterbewusstseins im Zusammenhang des „Krieges gegen den Terror“ und der Spätphase des Konzernimperialismus und eine kritische Darstellung Amerikas – ein absolutes Novum in einem Hollywoodblockbuster – aus der Perspektive der übrigen Welt.

Natürlich ist der amerikanische Held, der in diesem Film feindliche Ureinwohner bekämpft, in bewährter Hollywoodmanier unschuldig und moralisch – ein widerstrebender Kämpfer, der barbarischen Wilden Demokratie oder zumindest Gerechtigkeit bringt. In Avatar illustrieren die Kernthemen alles, was aus Sicht der Amerikaner bei der Außenpolitik ihres Landes schief gegangen ist.