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leonard51_ RONEN ZVULUNPOOLAFP via Getty Images_netanyahuaholocaustmemorial Ronen Zvulun/Pool/AFP via Getty Images

Auschwitz in Jerusalem

BERLIN – Die diesjährige Gedächtnisfeier der Befreiung von Auschwitz in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, war von zwei gegensätzlichen Impulsen bestimmt, die hinter der Gründung des jüdischen Staates standen: Weltbürgertum und Nationalismus. Die Veranstaltung war von einem schmerzhaften Dialog zwischen diesen Perspektiven geprägt, die sich in den Äußerungen der teilnehmenden Regierungsvertreter und den Einwänden der den Feierlichkeiten Ferngebliebenen widerspiegelten.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab in seiner Eröffnungsrede der Veranstaltung den Ton vor für das, was kommen sollte. Er beschrieb Auschwitz als „Abgrund“ und Jerusalem als „Gipfel“, wobei Ersteres „Versklavung“ und „Tod“ repräsentiert habe und Letzteres der Inbegriff von „Freiheit“ und „Leben“ sei. Um dem Leben der im Holocaust Ermordeten eine Bedeutung zu geben, versuchte er, ihren Tod mit der nur ein paar Jahre später erfolgten Gründung Israels zu verknüpfen. Statt das Schicksal der europäischen Juden als Grund zu präsentieren, den Kampf gegen Hass und Völkermord überall auf der Welt zu verstärken, verengte er seinen Blickwinkel auf die Interessen des Staates Israel und schloss mit einem Schlachtruf gegen den Iran.

Die Entscheidung zwischen Weltbürgertum und Nationalismus war für Juden schon immer besonders schwierig. Historisch bedeutete der Ausschluss der „wandernden Juden“ vom offiziellen Leben, dass sie faktisch „vaterlandslos“ und damit zwangsläufig Weltbürger waren. Doch genau aus diesem Grund entwickelten sich die Juden in den Ländern, in denen sie letztlich assimiliert wurden, zu Ultranationalisten. Ein Musterbeispiel hierfür war der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, der als junger Mann den Ersten Weltkrieg als Gelegenheit begrüßte, für sein Land zu kämpfen. Dieselben widersprüchlichen Impulse sind heute in Israels nationaler Identität gebündelt, was eine bleibende Spannung zwischen der Demokratie und dem Wunsch zur Einrichtung eines jüdischen Heimatlands beflügelt.

Auch die diesjährigen ausländischen Redner in Yad Vashem verkörperten diesen Konflikt zwischen Nationalismus und Weltbürgertum. Der russische Präsident Wladimir Putin beklagte die Instrumentalisierung der Geschichte als Waffe, um sie anschließend prompt selbst auf diese zu Weise zu instrumentalisieren, indem er (nicht zu Unrecht) darauf verwies, dass der Holocaust nicht nur von den Deutschen ausgeführt wurde, sondern auch von europäischen Kollaborateuren, die „häufig grausamer waren als ihre Herren“. Es überrascht nicht, dass er diesen Vorwurf ausdrücklich gegen die Ukraine, Litauen und Lettland richtete – sämtlich Länder, zu denen Russland problematische Beziehungen unterhält.

Doch es war die polnische Regierung, die sich am entschiedensten gegen diese Auslegung verwahrte. Nachdem er nicht als Redner eingeladen worden war, boykottierte der polnische Präsident Andrzej Duda die Zeremonie. Und im Vorgriff auf Putins Rede schrieb der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki einen Kommentar für Politico, in dem er argumentierte, dass „Russland versucht, die Geschichte umzuschreiben. Die Sowjetunion war alles andere als ein ‚Befreier‘; sie war ein Unterstützer Nazideutschlands und verübte eigene Verbrechen – vor und nach der Befreiung von Auschwitz.“ Die offizielle polnische Reaktion ist keine Überraschung angesichts der Tatsache, dass dieselbe Regierung 2018 ein Gesetz erließ, das jede Erwähnung polnischer Komplizenschaft am Holocaust zur Straftat erklärte.

Der Kontrast zu den Äußerungen des französischen und des deutschen Präsidenten hätte nicht größer sein können. Beide sinnierten über die Schuld ihrer jeweiligen Länder, um anschließend für universelle menschliche Werte zu argumentieren. „Die Mörder,“ so äußerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, „die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche.“

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Wie Netanjahu stellte auch Steinmeier das Thema der Erneuerung nach der Schoah, die einer neuen „Friedensordnung … erbaut auf Menschenrechten und Völkerrecht“ den Weg bereitet habe, in den Blickpunkt. Doch anders als Netanjahu äußerte sich Steinmeier nicht triumphalistisch. Tatsächlich betonte er ein Thema, dass Deutschland trotz jahrzehntelanger Vergangenheitsbewältigungnun heimsucht: die Rückkehr des Antisemitismus.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron übte gleichermaßen brutale Selbstkritik. „Frankreich hat seiner Geschichte frontal ins Auge gesehen und sich der nicht gutzumachenden Verantwortung des französischen Staates für die Deportation der Juden gestellt“, erklärte er. Die Lehren, die er aus Auschwitz zieht, sind universeller und zukunftsgerichteter Art. „Niemand hat das Recht“, so argumentierte er, „das Gedenken an die Toten zu nutzen, um irgendeine Art von heutigem Hass zu rechtfertigen.“

Man fragt sich, wie Zweig auf all diese Redner reagiert hätte. Obwohl er ein Protegé des geistigen Gründervaters des Zionismus Theodor Herzl war, zeigt eine jüngst erschienene Biografie von George Prochnik, dass Zweig die Idee des Nationalismus im Laufe seines Lebens zunehmend Unwohlsein bereitete. Nach dem Aufstieg der Nazis argumentierte er, es sei die „heilige Aufgabe“ der Juden, nicht noch einen weiteren Staat mit Kanonen, Flaggen und Orden zu schaffen. Vielmehr wünschte er sich, dass die Juden als „Stechfliege, die den ruppigen Hornviehnationalismus aus seinen geistigen Grenzen treibt“, dienen und auf die „Zersetzung nationalistischer Tendenzen“ hinarbeiten sollten.

Anders ausgedrückt: Wäre Zweig heute noch am Leben, würde er zweifellos eher mit dem weltbürgerlichen Humanismus Steinmeiers und Macrons sympathisieren als mit dem Ethnonationalismus Netanjahus. Doch lohnt es, sich zu erinnern, dass sich David Ben-Gurion und die meisten der Gründer Israels während der Erschaffung eines jüdischen Nationalstaates in ähnlicher Weise für eine weltbürgerliche und universalistische Vision engagierten, die auf „vollständiger Gleichheit sozialer und politischer Rechte … unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht“ beruhte.

Was mich angeht, so unterstütze ich als Nachkomme deutscher Juden – von denen einige in Vernichtungslagern ermordet wurden – das Existenzrecht Israels eindeutig. Doch bin ich zugleich der Ansicht, dass Netanjahus Instrumentalisierung der Opfer des Holocausts – von denen viele seinen zionistischen Nationalismus nicht teilten – die Ideale der Gründer des Landes direkt untergräbt.

Es ist angesichts der Tatsache, dass Auschwitz im Begriff ist, von der Erinnerung in die Geschichte überzugehen, ironisch, dass die Lehren, die die Menschen daraus ziehen, spezifischer statt universeller werden. Es ist eindeutig, dass der weltweite Kampf gegen den Antisemitismus in der Welt hyperfragmentierter und multikultureller Gesellschaften des 21. Jahrhunderts, in der niemand mehr persönlich Holocaust-Überlebende kennt, ein neues Narrativ braucht. Andernfalls wird die Geschichte weiterhin politisiert und in den Dienst nationalistischer Agenden gepresst werden, statt uns den Weg in eine friedlichere Zukunft für alle zu weisen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/Laslenude;

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