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Eine gute Nachricht für die Menschheit

CANBERRA – Wir sind von schlechten Nachrichten umgeben. Die Welt muss sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass nächsten Januar ein sexistischer, rassistischer Ignorant in das Weiße Haus einzieht. In Russland und China befinden sich eingefleischte Autoritäre bereits an der Macht. Populisten unterschiedlicher Abscheulichkeit siegen bei Wahlen von Polen bis zu den Philippinen. Und in beinahe jedem Land, das mit der gegenwärtigen Flüchtlingskrise konfrontiert ist  - auch in meinem eigenen - gewinnt die Islamophobie die Oberhand über menschliches Mitgefühl. Was Abraham Lincoln in seiner ersten Amtsantrittsrede als „die besseren Engel unserer Natur” bezeichnete, scheint sich auf dem Rückzug zu befinden.  

Hin und wieder allerdings ereignen sich Geschichten, die uns Grund zur Hoffnung geben, dass menschlicher Anstand letztlich triumphiert. Vor kurzem stieß ich auf vier derartige Geschichten, die möglicherweise einen besonderen Beitrag leisten, die herrschende düstere Stimmung zu überwinden. Letzten Monat wurden in der armenischen Hauptstadt Jerewan im Rahmen der ersten Verleihung des Aurora-Preises zur Förderung der Menschlichkeit die Geschichten von Menschen gewürdigt, die mehr weltweite Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen zu jenem Zeitpunkt zuteil wurde, da sie sich ereigneten.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Bei einem der Finalisten handelt es sich um Pater Bernard Kinvi. Er leitet ein Missionskrankenhaus, von dem aus ein riesiges Gebiet inmitten der Zentralafrikanischen Republik medizinisch betreut wird. Als dort der grausame Religionskrieg zwischen muslimischen Rebellen und christlichen Milizen wütete, der auch die von ihm betreute Region spaltete, versorgte er die Wunden der Kämpfer und versteckte ohne Furcht oder Vorurteile die Opfer beider Kriegsparteien. Er tat das monatelang unter immensem persönlichem Risiko und wiederholten Drohungen von den Anführern beider Seiten, die ihm vorwarfen, den Feind zu unterstützen.   

Die zweite Anwärterin auf den Preis war Syeda Ghulam Fatima, die in einem kleinen Laden in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad eine Organisation namens Bonded Labor Liberation Front führt. Obwohl sie selbst mehrmals Opfer physischer Gewalt war – und auch angeschossen und mit Stromschlägen malträtiert wurde  – kämpft sie seit Jahrzehnten für die Freilassung von Menschen die de facto Zwangsarbeit für die Besitzer von Ziegelöfen leisten müssen. Die Front hat über 80.000 Pakistanis aus diesen Zwangsarbeitsverhältnissen befreit, von denen es sich bei über zwei Dritteln um Frauen und Kinder handelte.   

Tom Catena ist der einzige Arzt in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan – einer Region, die seit 2011 Kriegsgebiet ist. Dort bietet er über einer halben Million Menschen medizinische Versorgung. Und obwohl das Bombardement und der Beschuss der Zivilbevölkerung beinahe an der Tagesordnung waren, verweigerte er – anders als viele andere - eine Evakuierung, nahm Risiken auf sich und arbeitete in den letzten fünf Jahren ohne Unterbrechung, um das Leben und die Gesundheit vieler tausender Männer, Frauen und Kinder zu retten. 

Die vierte Kandidatin war Marguerite Barankitse, eine Angehörige des Volkes der Tutsi in Burundi. Sie versuchte während der blutigen Unruhen 1993 zahlreiche ihrer Hutu-Nachbarn in einer Kirche zu verstecken. Als man das entdeckte, wurde sie entkleidet an einen Stuhl gefesselt und gezwungen, dabei zuzusehen, wie ihre Nachbarn mit einer Machete getötet wurden. Unbeirrt von diesen Geschehnissen rettete sie jedoch die verwaisten Kinder der Ermordeten – und noch viele weitere Kinder in ähnlicher Lage. Anschließend gründete sie mit Unterstützung christlicher Wohlfahrtsorganisationen aus Luxemburg die Maison-Shalom-Zentren, wo man tausenden weiteren Kindern, die durch Krieg und AIDS ihre Eltern verloren, Schutz und Unterkunft bietet. Angesichts der heute erneut wachsenden Ängste vor einem Völkermord in Burundi richtet Barankitse – die von der aktuellen Regierung persönlich bedroht wird – in Ruanda nun ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge aus Burundi ein.

Jede dieser vier Personen, die man als Gegengift gegen den Zynismus betrachten kann, hätte den Preis verdient, für den sie als Finalisten nominiert waren – ebenso wie viele weitere der 186 Nominierten aus aller Welt. Am Ende ging der Preis an Maggie Barankitse, die „Mutter von Burundi“ – vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil die damit verbundene Aufmerksamkeit ihrem unglücklichen Land helfen könnte, nicht wieder in einen Bürgerkrieg abzugleiten.

Der Aurora-Preis ist die Erfindung des russisch-armenischen Philanthropen Ruben Vardanyan und benannt nach Aurora Mardiganian, die den Völkermord in Armenien der Jahre 1915-1917 überlebte und sich mehr als fast alle anderen dafür engagierte, das Gedenken an die Ereignisse in den nachfolgenden Jahrzehnten wach zu halten. Vergeben wird der Preis als Anerkennung gewöhnlicher Menschen, die im Angesicht verübter Unmenschlichkeit außergewöhnliche Reserven an Mut, Mitgefühl und Engagement mobilisieren und damit die Rettung vieler Menschenleben bewirken.

Dieser jährlich zu vergebende Preis ist nicht nur mit 100.000 Dollar Preisgeld für den Preisträger verbunden, sondern – und das ist einzigartig im Bereich der Preise für Menschlichkeit und Menschenrechte – auch mit 1 Million Dollar für eine oder mehrere Organisationen, die den jeweiligen Gewinner in seinem Engagement unterstützen.

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Als Mitglied der Preisvergabejury – der ich neben einem (weit versierteren) Aufgebot an Nobelpreisträgern und weltweit anerkannten Philanthropen wie Mary Robinson, Vartan Gregorian sowie dem Prominenten schlechthin, George Clooney, angehöre -  kann ich nicht mit völliger Objektivität aufwarten. Dennoch scheint es mir nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Aurora-Preis eine ähnliche Geltung wieder Nobelpreis erlangt: nämlich als eine machtvolle Möglichkeit, unsere gemeinsame Humanität sowie sämtliche mit Würde und Anstand verbundenen Dinge im Leben des Menschen anzuerkennen und zu feiern. Ebenso wie auch in der Vergangenheit bedarf es in der Welt von heute derartiger Würdigungen.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier