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Sterbehilfe: Von „Sollten wir es tun?“ zu „Wer soll es tun?“

In der Vergangenheit galt die absichtliche Beschleunigung des Todes eines Menschen immer als Verbrechen, ungeachtet der Umstände. Doch die öffentliche Haltung ändert sich. Einer Person, die den ausdrücklichen Wunsch zu sterben geäußert hat, zu helfen, wird insbesondere bei Vorliegen einer tödlichen Krankheit zunehmend als gerechtfertigte Handlung betrachtet. Dies ist ein übereinstimmendes Ergebnis von Umfragen in den „westlichen“ Ländern.

Trotzdem zögern die Gesetzgebungsorgane bei der Erwägung möglicher Gesetzesänderungen. Bisher haben nur die Niederlande, Belgien sowie der US-Bundesstaat Oregon explizite gesetzliche Bestimmungen umgesetzt. Ernste politische Diskussionen über ähnliche Gesetzesänderungen allerdings gibt es derzeit in vielen Ländern, u.a. in Großbritannien, Südafrika und Australien.

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Der früher unerbittliche Widerstand gegen eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe bröckelt, und deshalb gewinnen Fragen ihrer praktischen Anwendbarkeit an Bedeutung. Natürlich stellt sich die Frage, wem Sterbehilfe geleistet werden soll. Sollte sie auf todkranke Personen beschränkt werden? Sollte beispielsweise eine Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium einen entsprechenden Anspruch bewirken? Oder sogar alle ernsten und unheilbaren Krankheiten oder Behinderungen? Und was ist mit Menschen, deren Sterbewunsch nicht durch eine Erkrankung bedingt ist?

Es gibt noch eine weitere zentrale Frage, der bisher nicht die Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die sie verdient: Wer sollte die tatsächliche Verantwortung für die Sterbehilfe übernehmen? In der öffentlichen Diskussion wird häufig davon ausgegangen, dass dies Aufgabe der Medizin sei. So wird manchmal gezielt auf die holländische Praxis verwiesen, die Ärzten erlaubt, das Leben ihrer Patienten zu beenden, wenn diese ausdrücklich darum bitten – vorausgesetzt, dass dabei bestimmte Voraussetzungen ordnungsgemäßer Praxis erfüllt sind. Eine von Nichtmedizinern geleistete Sterbehilfe bleibt ungesetzlich. In einem derart medizinisch bestimmten Rahmen ist moralisch und rechtlich nahezu irrelevant, wer schließlich das tödliche Medikament verabreicht: Bei enger Einbindung eines Arztes gibt es keinen Grund, warum dieser nicht selbst das tödliche Medikament verabreichen sollte.

Obwohl Belgien kürzlich der holländischen Methode der Regulierung freiwilliger aktiver Sterbehilfe in einem streng medizinisch geregelten Rahmen gefolgt ist, wird genau diese Art von Regulierung zunehmend in Frage gestellt. Ärzte haben darauf hingewiesen, dass auch, wenn eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung sich die Verfügbarkeit eines entsprechenden Angebots wünscht, die absichtliche Beschleunigung des Todes per se mit den grundlegenden Zielen der Medizin unvereinbar ist.

Ein in dieser Hinsicht interessantes Gesetz ist der Death with Dignity Act des US-Bundesstaates Oregon. Natürlich setzt jede Regulierung dieses Bereichs zumindest eine gewisse ärztliche Beteiligung voraus, aber das Gesetz aus Oregon erkennt das grundlegende Dilemma an, vor dem mit dem Sterbewunsch eines Patienten konfrontierte Ärzte stehen, und ist bemüht, ihre Beteiligung auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

In Oregon sind Ärzte berechtigt, auf ausdrücklichen Wunsch eines todkranken Patienten ein Rezept für eine tödliche Substanz auszustellen, sofern sie die tödliche Diagnose und die Fähigkeit des Patienten zum Treffen einer solchen Entscheidung bestätigen können und den Patienten über alle denkbaren Alternativen wie etwa Hospizpflege oder Palliativtherapie aufgeklärt haben. Die Ärzte sind nicht verpflichtet, bei der Selbsttötung dabei zu sein, und es ist ihnen nicht gestattet, das tödliche Medikament selbst zu verabreichen.

In Oregon entscheidet der Patient unabhängig vom Arzt, wo und wann er sterben möchte – oder ob er es überhaupt möchte. Die Organisation Compassion in Dying , eine für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod eintretende Nichtregierungsorganisation von Nichtmedizinern, ist an den meisten dieser Fälle beratend beteiligt.

Interessanterweise zeigen Untersuchungen über die Gründe, aus denen Menschen nach dem Death with Dignity Act des Staates Oregon ihren Tod legal beschleunigt haben, dass die Angst vor Schmerzen und anderen erschreckenden Symptomen in den meisten Fällen keine größere Rolle spielte. Vielmehr erwiesen sich Fragen der persönlichen Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und die Sorge, für Familie, Freunde oder Pfleger zur Belastung zu werden, als die Hauptgründe.

Jüngste Entwicklungen in den Niederlanden zeigen ebenfalls, dass die Sterbehilfe stärker im Kontext von Autonomie, Selbstbestimmtheit und rationaler Entscheidung diskutiert wird als im Zusammenhang nicht beherrschbarer medizinischer Symptome. Die Entscheidung beruht in diesen Fällen zumeist auf persönlichen und sozialen und nicht auf medizinischen Erwägungen.

Angesichts der Tatsache, dass ein solcher Rahmen weit über die ärztliche Kompetenz hinausgeht, kann es nicht überraschen, dass sich bisher weltweit kein einziger Medizinerverband für die holländische Regelung ausgesprochen hat. Während der holländische Ärzteverband sich der Rolle des Berufsstandes bei der Praxis der Sterbehilfe nicht entgegenstellt, deuten aktuelle Hinweise auf eine fehlende Bereitschaft seitens der holländischen Ärzte zur Meldung von Fällen von Sterbehilfe an die zuständigen Behörden hin, und auf eine Rückkehr zu Praktiken wie der terminalen Sedierung, die enger mit dem medizinischen Zusammenhang in Verbindung stehen.

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Es besteht also überall eine deutliche Spannung zwischen der Weise, wie die Öffentlichkeit und wie die Ärzte einen möglichen Auftrag zur Sterbehilfe betrachten. Was gegenwärtig geschieht, ließe sich als Machtkampf darüber beschreiben, wer für die Bereitstellung einer Leistung verantwortlich ist, die mehr und mehr Menschen sich wünschen, bei der jedoch auch höchste professionelle Kompetenz die Richtigkeit der getroffenen Entscheidung nicht gewährleisten kann – während gleichzeitig jede falsche Entscheidung weitreichende und irreversible Folgen hat.

Es ist gesagt worden, dass Sterbehilfe bei der Diskussion darüber, was einen guten Tod darstellt, eine zentrale Rolle einnimmt. Sie ist jedoch auch ein Kristallisationspunkt in der Beziehung zwischen der Ärzteschaft und der Gesellschaft als Ganzer.