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Asien im Gleichgewicht

CAMBRIDGE – Im vergangenen Jahr besuchten die Staats- und Regierungschefs aller fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates Indien, begleitet von Wirtschaftsdelegationen. Die Wachstumsrate der indischen Wirtschaft beträgt zurzeit acht Prozent pro Jahr und ist äußerst attraktiv für Handel und Investitionen. Als US-Präsident Barack Obama das Land im November besuchte, sprach er sich für eine ständige Mitgliedschaft Indiens im UN-Sicherheitsrat aus. Ihm taten es der britische Premier David Cameron, der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der russische Präsident Dmitri Medwedew gleich. Der letzte Besucher, der chinesische Premier Wen Jiabao, hat sich gar nicht zu dem Thema geäußert.

Offizielle Verlautbarungen betonen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und China und einige Analytiker argumentieren, dass die beiden riesigen, schnell wachsenden Märkte zu einem einzigen Wirtschaftsraum „Chindia“ zusammenwachsen werden. Als Premier Wen Indien vor einigen Jahren besuchte, unterzeichnete er einen umfassenden strategischen Fünf-Jahres-Kooperationspakt. Der indische Premierminister Manmohan Singh drückte es damals so aus: „Zusammen können Indien und China die Welt neu ordnen.“

Äußerungen dieser Art stehen für eine grundsätzliche Verbesserung der indisch-chinesischen Beziehungen, die nach dem Krieg um eine Grenze im Himalaja 1962 von Feindseligkeit gekennzeichnet waren. Trotzdem lauert unter der Oberfläche ein strategisches Unbehagen, besonders auf indischer Seite.

Das Bruttoinlandsprodukt Chinas ist drei Mal so hoch wie das Indiens, die chinesische Wachstumsrate ist höher, und der Verteidigungshaushalt wurde aufgestockt. Der Grenzkonflikt ist noch immer nicht beigelegt, und beide Länder wetteifern um Einfluss auf Nachbarstaaten wie Myanmar. In den vergangenen Jahren hat China hinter den Kulissen darauf hingearbeitet zu verhindern, dass Indien mit der ständigen Mitgliedschaft im Sicherheitsrat den Status einer Großmacht zugesprochen bekommt.