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Lachen im Dunkeln

LONDON – Als ehemalige sowjetische Staatsbürgerin kann ich Ihnen eines sagen: es ist nie ein gutes Zeichen für ein politisches System, wenn Künstler beginnen, ihre Stimme dagegen zu erheben. Und wenn ihre Äußerungen sichtlich einen wunden Punkt treffen, ist das System aller Wahrscheinlichkeit nach krank.

In einer Demokratie kann Kunst einfach ignoriert werden. Freilich kann man Kultur schätzen, aber das ist eine Frage der persönlichen Entscheidung und keine Notwendigkeit. Gleichgültigkeit ist ein Luxus derjenigen, deren Freiheiten gut geschützt sind. Sind diese Freiheiten allerdings bedroht, entwickelt sich die Kunst zu einer entscheidenden Verteidigungslinie. Diese Lektion lernen die Vereinigten Staaten gerade. 

Innerhalb von nur etwas mehr als einem Monat hat Präsident Donald Trump die Regeln der amerikanischen Politik verändert – und das nicht zum Besseren. Wenn die Fakten im Widerspruch zur Linie seiner Regierung stehen – oder, noch schlimmer, womöglich auf seine Unbeliebtheit hindeuten - brandmarkt er Journalisten, die darüber berichten, als Überbringer von „Fake News“ und „Feinde” des amerikanischen Volkes.

Auch Justiz und Geheimdienste blieben von seinen heftigen Attacken nicht verschont. Jeglicher Widerstand gegenüber seinen Anordnungen wie etwa Gerichtsentscheide gegen sein teilweises Einreiseverbot für Muslime oder Enthüllungen über mögliches Fehlverhalten wie die Geheimgespräche seines ehemaligen nationalen Sicherheitsberaters mit dem russischen Botschafter werden umgehend verurteilt.

Nun, da die Säulen der amerikanischen Demokratie unter Beschuss stehen, schalten sich die Künstler ein. Noch vor der Amtseinführung Trumps veranstaltete die Schriftstellervereinigung PEN America auf den Stufen der New York Public Library eine Protestkundgebung unter dem Titel #LouderTogether, um der Administration, „die ihre Feindseligkeit gegenüber der Presse und anderen Normen freier Meinungsäußerung offen darlegt“, eine „Botschaft zu übermitteln“.

Als der damals designierte Vizepräsident Mike Pence die Broadway-Show Hamilton besuchte, appellierten die Schauspieler im Namen aller Amerikaner an ihn, Amerikas Werte und Arbeit hochzuhalten (und handelten sich damit einen Rüffel Trumps auf Twitter ein). In einem anderen nicht weit entfernten Theater übermittelte die Show Party People, die sich dem Vermächtnis der Black Panthers und der Young Lords Party widmet, mit einem nach Trumps Wahlsieg adaptierten Textbuch eine konfrontativere Botschaft.  

Als Trump seinen Erlass über das Einreiseverbot für Personen aus sieben vorwiegend muslimischen Ländern unterzeichnete, stellte das Museum of Modern Art Werke von Künstlern aus den betroffenen Ländern aus. In den Begleittexten zu den Werken nahm das MoMA direkt Bezug auf Trumps Erlass und stellte fest, dass die Gemälde ausgestellt wurden, um die für die USA unverzichtbaren „Ideale des Willkommenseins und der Freiheit zu bekräftigen.“   

Außerdem setzte das MoMA auch vier Filmvorführungen an, im Rahmen derer Filme von Regisseuren gezeigt werden, die von dem Einreiseverbot betroffen sind. Und als Reaktion auf die Würdigung „alternativer Fakten“ durch die Trump-Administration werden beinahe 100 unabhängige amerikanische und kanadische Kinos im April kostenlose Vorführungen von George Orwells 1984 anbieten.   

Hollywood-Schauspieler haben die diesjährigen Preisverleihungen für ihre eigenen politischen Statements genutzt. Meryl Streep zog mit ihrer Rede bei der Verleihung der Golden Globes Trumps Zorn auf sich, weil sie ihn kritisierte, sich über einen behinderten Reporter lustig gemacht zu haben und hervorhob, wie wichtig die Verteidigung der Pressefreiheit sei. David Harbour erklärte im Rahmen seiner Dankesrede nach der Verleihung des Screen Actors Guild Award, dass großartige Schauspielkunst „für die Mitglieder der Schauspielervereinigung ein Ruf zu den Waffen ist, noch tiefer zu gehen und durch unsere Kunst gegen die Angst, Ichbezogenheit und ausschließende Haltung in unserer überwiegend narzisstischen Kultur zu kämpfen.“ 

In der Modewelt haben einige berühmte Designer beteuert, First Lady Melania Trump nicht einkleiden zu wollen. Bei der jüngsten New York Fashion Week nutzten Modeschöpfer von Mara Hoffman bis Prabal Gurung den Laufsteg für politische Äußerungen und einige der größten Namen in der Modewelt traten in einem Video des W Magazine auf, in dem sie trotzig erklärten: „Ich bin ein Einwanderer“.  

Die Anhänger Trumps ziehen es vielleicht vor, derartige Äußerungen abzutun und den Schauspielern und Künstlern mitzuteilen, sie sollen einfach „ihre Arbeit machen.“ Doch in Wahrheit haben die Äußerungen derartiger Persönlichkeiten sehr wohl eine Wirkung – nicht nur auf Trump, einem langjährigen Hollywood-Mitläufer. Es gibt einen Grund, warum die autokratischen Staatschefs Russlands stets versuchten, die Künstler an der kurzen Leine zu halten.

Wenn sich Künstler der Macht beugen, gewinnt der Staat ein neues Maß an Autorität und sogar Legitimität. Aus diesem Grund brauchte Joseph Stalin den gefeierten Lyriker und Kremlgegner Ossip Mandelstam, um eine Ode über ihn zu schreiben.

Mandelstam beugte sich dem Druck, ließ sich aber nicht brechen. Er setzte seine Beleidigungen des Kremls fort, insbesondere mit seinem berühmten Gedicht „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr.” Obwohl er letztlich im Gulag umkam, leisteten seine Protestgedichte und die anderer mutiger Lyriker einen Beitrag zum Untergang des Regimes. Alexander Solschenizyns antikommunistisches Meisterwerk aus den 1970er Jahren Der Archipel Gulag hatte letztlich einen ebenso großen Anteil an der Entlarvung der kommunistischen Farce wie die sklerotische Wirtschaft.

Putin muss hocherfreut gewesen sein, als der im Alter offenbar zunehmend nationalistisch gewordene Literaturnobelpreisträger Solschenizyn ihn seiner Unterstützung versicherte. Putin erkannte die Macht der Kunst und etablierte sich schon frühzeitig als Fan der russischen Kultur. Er umwarb auch ausländische Künstler wie etwa die französischen Filmikonen Brigitte Bardot und Gérard Depardieu und sogar die einstige Hollywood-Größe Steven Seagal.

Gleichzeitig beeilt sich Putin, diejenigen zu beseitigen, deren Botschaften ihm ein Dorn im Auge sind. Die satirische TV-Show Puppen wurde beinahe unmittelbar nach Putins Einzug in den Kreml eingestellt, nachdem man den Präsidenten mit Klein Zaches, dem hässlichen, bösen und wichtigtuerischen Zwerg aus E.T.A. Hoffmanns groteskem Märchen verglichen hatte.

Als noch unerfahrener Autokrat, dessen Versuche, Kritiker zum Schweigen zu bringen, bestenfalls als ungeschickt zu bezeichnen sind, versucht Trump möglicherweise sein russisches Vorbild nachzuahmen. Allerdings hat er noch nicht genug Macht angehäuft, um jede kulturelle Arbeit oder Institution, die ihn kritisiert, zunichte zu machen. Andernfalls hätte er die von ihm regelmäßig kritisierte Unterhaltungsshow Saturday Night Live womöglich schon einstellen lassen. 

Es ist vielfach die Kunst, die – in ernsthafter oder satirischer Weise – die tragische Absurdität einer repressiven Führung bloßlegt. Und je schlimmer Trumps Verhalten, desto höher die Nachfrage nach Künstlern, die sich ihm widersetzen. Die Einschaltquoten von Saturday Night Live sind so hoch wie seit sechs Jahren nicht.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier