kenya education computers SIMON MAINA/AFP/Getty Images

Erfolgversprechende Aussichten der KI in Entwicklungsländern

LONDON – Eine weit verbreitete Fehlwahrnehmung unter den Beobachtern digitaler Trends besteht darin, dass Verbraucher in den Entwicklungsländern nicht von technologischen Fortschritten profitieren. Ob es sich um den Besitz des neuesten Smartphones handelt oder um die „Beschäftigung” von Haushaltsrobotern: die Möglichkeit des Zugangs zu Innovation ist einer der sichtbarsten Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern.

Diese Kluft hat sich noch vertieft, seit die künstliche Intelligenz (KI) Einzug in unser Leben gehalten hat. So wird beispielsweise die überwiegende Mehrheit der persönlichen „Smart-Speaker”-Assistenten wie etwa Amazons Alexa in reiche Länder versendet. Im Jahr 2017 gingen über 80 Prozent der weltweiten Smart-Speaker-Lieferungen nach Nordamerika.  

Obwohl Technologie die weltweite Ungleichheit verstärken kann, verfügt sie auch über das Potenzial, diese zu entschärfen. Das liegt daran, dass KI weitaus vielfältiger eingesetzt werden kann als in Haushaltsgeräten; sie kann auch die Art und Weise revolutionieren, in der im globalen Süden Leistungen in den Bereichen Gesundheitswesen, Katastrophenhilfe, Finanzen, Logistik, Bildung und Unternehmensdienstleistungen erbracht werden.

Künstliche Intelligenz führt bereits zu Veränderungen in den Entwicklungsländern. In Nepal werden mit den Mitteln des maschinellen Lernens Erfordernisse hinsichtlich des Wiederaufbaus nach Erdbeben erfasst und analysiert. In ganz Afrika helfen KI-Tutoren jungen Schülern, versäumten Lehrstoff aufzuholen. Humanitäre Hilfsorganisation bedienen sich der Analyse von Big Data, um die Versorgung von Menschen auf der Flucht vor Konflikten und anderen Notsituationen zu optimieren. Und in meinem Land Indien nutzen Bauern auf dem Land AI-Applikationen um die Ernteerträge zu steigern und die Gewinne zu verbessern.

Derartige Innovationen erleichtern es uns, die Ziele nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen in den Bereichen Armutsbekämpfung, Ungleichheit im Gesundheitswesen, Verbesserung des Zugangs zu Schulbildung und Bekämpfung der globalen Erwärmung zu erreichen. Dennoch nutzt die Welt derzeit nur einen Bruchteil des Potenzials der KI für den menschlichen Fortschritt. Um dieses Potenzial zur Beschleunigungen des Fortschritts vollständig auszunutzen, müssen wir neue Methoden der Anwendung von KI finden.

Mit der richtigen Unterstützung beispielsweise könnten am Himmel über den Entwicklungsländern Drohnen fliegen, die medizinische Güter in entlegene Krankenhäuser liefern. In ländlichen Gebieten Ruandas geschieht das bereits. Eine einzigartige Partnerschaft zwischen dem ruandischen Gesundheitsministerium und Zipline, einem im Silicon Valley ansässigen Technologie-Startup, ermöglicht es Ärzten in entlegenen Krankenhäusern per Kurznachricht Blut zu bestellen, das dann innerhalb von Minuten mittels Fallschirmen geliefert wird. Seit der Einführung des Programms im Oktober 2016 wurden die Lieferzeiten um einen Faktor fünf verringert und hunderte Menschenleben gerettet.

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Derartige KI-Innovationen sind zwar beeindruckend, können aber nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Wenn wir den deplatzierten, sattsam bekannten Befürchtungen, wonach die durch KI verursachten Brüche schlimmer sein werden als ihre Vorteile, nicht entgegentreten, wird der unglaubliche Fortschritt, den Technologiefirmen im globalen Süden erzielen, verlangsamt.

Um das zu vermeiden, kann eine Reihe von Maßnahmen ergriffen werden. Zunächst müssen Programme wie die UN-Kampagne „AI for Good”, deren Ziel die Förderung des Dialogs über den nutzbringenden Einsatz von Technologie für die humanitäre Arbeit ist, die volle Unterstützung politischer Entscheidungsträger bekommen. Die an der Entwicklung von Technologie Beteiligten müssen auch weiterhin Projekte, Initiativen, Denkfabriken und Organisationen finden, die von einer Kooperation mit KI-Unternehmen profitieren würden – wie eben Zipline in Ruanda.

Vor allem aber dürfen Diskussionen über die Entwicklung von KI für humanitäre Zwecke nicht isoliert zwischen Hilfsorganisationen, Wohltätigkeitseinrichtungen und Regierungen geführt werden. Auch Technologie-Investoren sind dazu einzuladen.  

Zu lange haben sich Technologieunternehmer auf die Lösung von Problemen im globalen Norden konzentriert und dabei Fragen außer Acht gelassen, die traditionell im Zusammenhang mit Entwicklungsländern stehen. Doch die Mobiltechnologie eröffnet neue Möglichkeiten und mittlerweile ist es sowohl menschlich als auch geschäftlich sinnvoll, KI-Lösungen weit über westliche Länder hinaus zu entwickeln.

Aus diesem Grund habe ich Rewired ins Leben gerufen, ein Investitionsvehikel im Ausmaß von 100 Millionen Dollar, das junge KI- und Robotikunternehmen unterstützt, die sich bedeutsamen sozialen Fragen widmen. Rewired arbeitet mit Firmen, die eine Vorreiterrolle im Bereich künstlicher Wahrnehmung spielen – der Fähigkeit von Robotern, die physische Welt zu verstehen und zu deuten. Wir investieren in Firmen, die daran arbeiten, menschlichen Geruch zu reproduzieren, erschwingliche und flexible Prothesen zu entwickeln und tragbare Maschinen für die Verbesserung von Fertigungsprozessen zu erfinden. 

Unser Ziel besteht in der Finanzierung von Technologien, die über das Potenzial verfügen, die Lebensqualität in allen Ländern der Welt zu verbessern. Und das wird, wie ich meine, das einigende Merkmal der KI sein. Die Maschinen, die wir heute entwickeln, werden nicht nur gewinnbringend sein, sondern uns auch der Lösung mancher der größten Herausforderungen der Welt näherbringen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

https://prosyn.org/9HkzFsOde