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Arabische Mythen und Realitäten

WASHINGTON, D.C. – Noch ist kein eindeutiges Ende der Aufruhr in Sicht, die die arabische Welt erfasst hat: In Ägypten – das noch bis vor Kurzem weithin als eines der stabilsten Regime der Region galt – ist Hosni Mubarak aus dem Amt vertrieben worden und in Libyen klammert sich Oberst Muammar Gaddafi an die Macht. Die Regierungen in Tunesien und Ägypten sind bereits durch Proteste zu Fall gebracht worden, andere arabische Länder sehen sich weiterhin mit weit verbreiteter Unzufriedenheit konfrontiert.

Die Unruhen kamen für die meisten – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Region – völlig unerwartet und haben mindestens fünf gängige Ansichten über die arabische Welt grundlegend auf den Kopf gestellt.

Araber gehen nicht auf die Straße. Bevor die Demonstrationen in Ägypten und Tunesien ihren Anfang nahmen behaupteten viele, dass politische Reformen keine wirkliche Dringlichkeit besäßen und dass diejenigen, die einen Wandel fordern, die öffentliche Stimmung nicht verstünden – die Dinge seien nicht so schlecht wie es von den Dissidenten dargestellt würde. Diese Denkweise führte dazu, dass sich Regierungen in dem Glauben wähnten, Araber würden nicht in großer Zahl demonstrieren und Veränderungen fordern. In jedem der Länder galten rasche Reformen als den nationalen Interessen abträglich.

Dieses Argument ist eindeutig nicht länger haltbar. Niemand hat die Geschehnisse in Ägypten und Tunesien vorhergesehen, also ist kein arabisches Land davor gefeit. Die Regierungen können es sich nicht leisten ewig zu warten und die Mär vom öffentlichen Stillhalten lässt sich nicht mehr benutzen, um die Einführung von Reformen zu verhindern, die notwendig sind, um die eigentlich vorhandenen Missstände anzugehen, denen die Bevölkerung ausgesetzt ist.