us china flags JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images

Warum amerikanische Firmen und Haushalte China brauchen

NEW YORK – China wird von einer Normalisierung seiner Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten profitieren, aber man muss erkennen, dass dies umgekehrt auch für die USA gilt. Als der US-Technologieriese Apple kürzlich seine Umsatzprognose verfehlte, führte Apple-Chef Tim Cook als einen Hauptgrund die Umsatzrückgänge in China an – wo der Handelskrieg von US-Präsident Donald Trump die Auswirkungen einer sich abschwächenden Konjunktur noch verschärft. Apples Verkaufseinbußen unterstreichen, wie bedeutend der chinesische Markt für die Gewinne vieler US-amerikanischer Firmen geworden ist – und sie zeigen die Risiken auf, die Trumps Protektionismus für die amerikanische Wirtschaft birgt.

In Wahrheit setzt Apple in China wesentlich mehr iPhones und iPads ab als die US-Exportstatistiken nahelegen. Ebenso verkauft General Motors in China mehr Autos als in den US-Exportdaten verzeichnet – tatsächlich sind es mehr als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen. Grund dafür ist, dass diese Unternehmen, wie viele andere auch, in China operieren und direkt an die chinesischen Verbraucher verkaufen. In den USA beliefern weit weniger chinesische Firmen direkt amerikanische Kunden.

Da US-Unternehmen im Laufe der Zeit ihre Aktivitäten in China verstärkt haben, spiegelt sich die Bedeutung des chinesischen Marktes für die US-Wirtschaft in der bilateralen Handelsstatistik nur teilweise wider.

Von 2000 bis 2018 stiegen die US-Exporte nach China um enorme 530 Prozent – weit stärker als das kumulierte Wachstum der US-Exporte in die gesamte Welt, das einen Wert von 130 Prozent aufwies. Dieser Anstieg war das direkte Ergebnis einer beträchtlichen und einseitigen Handelsliberalisierung, die China nach seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 vollzog und zu der auch die Senkung der angewendeten Zollsätze von 30 Prozent vor dem WTO-Beitritt auf weniger als 6 Prozent heute zählt. Darüber hinaus unterliegt etwa die Hälfte der Einfuhren nach China Null-Zollsätzen, wenn die Produktion für den Weltmarkt erfolgt.

Chinas rasches BIP-Wachstum kurbelte die Importe an, aber dieses Wachstum wurde auch durch Handelsliberalisierung und andere marktwirtschaftliche Reformen ermöglicht. Kein Land hat mehr Handelshemmnisse abgebaut oder mehr marktwirtschaftliche Reformen in Angriff genommen als China in den letzten vier Jahrzehnten.

Chinas marktorientierte Reformen führten zu einer Welle an Unternehmergeist und ermöglichten es privaten Firmen – sowohl inländischen als auch in ausländischem Besitz stehenden – zu florieren und in vielen Fällen auch rascher zu wachsen als staatliche Unternehmen.  

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Das steht in krassem Widerspruch zu dem von mancher Seite häufig vorgebrachten Narrativ, wonach China seine mit dem Beitritt zur WTO eingegangenen Verpflichtungen weitgehend ignorierte oder aus dem Weg ging. Wäre das zutreffend, hätte es China nicht gelingen können, seit 2001 rascher zu wachsen als 95 Prozent der Länder dieser Welt.

Von mancher Seite wird argumentiert, dass US-Firmen zwar vom Zugang zum chinesischen Markt profitieren, der Handel zwischen den USA und China den amerikanischen Arbeitnehmern aber schade, weil diese damit der Niedriglohnkonkurrenz durch chinesische Arbeitskräfte ausgesetzt seien. Allerdings senkt die Verfügbarkeit billiger importierter Waren aus China die Preise nicht nur für die Verbraucher in den USA – insbesondere für Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen – sondern auch für Firmen, wodurch die Schaffung von Arbeitsplätzen unterstützt wird. Bei fast 40 Prozent der US-Importe aus China handelt es sich um Teile, Komponenten und Vorleistungen. Die mit diesen Importen verbundenen Kosteneinsparungen für US-Unternehmen tragen zur Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit bei und ermöglichen ihnen die Einstellung von mehr Arbeitskräften.

Aus meinen mit Kollegen verfassten Forschungsarbeiten geht hervor, dass dieser Lieferketteneffekt mehr Arbeitsplätze schafft als durch den direkten Wettbewerb mit China verloren gehen. Während sich die verlorenen Jobs auf einen Teil der Fertigungssektoren konzentrieren, sind die aufgrund des Handels mit China geschaffenen Arbeitsplätze über die gesamte Wirtschaft, einschließlich der modernen Dienstleistungssektoren verteilt. Aufgrund dieser Beschäftigungswirksamkeit profitieren 75 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer vom Handel der USA mit China, noch bevor die positiven Auswirkungen auf die Kaufkraft und die Einkommenstransfers von den Gewinnern zu den Verlierern der Entwicklung Berücksichtigung finden.

Trotzdem konzentrieren sich viele in den USA weiterhin ausschließlich auf die potenzielle Rolle des offenen Handels beim beschleunigten Abbau von Arbeitsplätzen. Wenn eine amerikanische Firma Mitarbeiter entlässt, gibt man häufig China die Schuld. Wenn eine amerikanische Firma jedoch Arbeitskräfte einstellt, hört man selten, dass dies durch kostengünstigere chinesische Produktionsmittel ermöglicht wurde. 

Mancherorts wird in den USA eine Entkoppelung der amerikanischen und der chinesischen Wirtschaft gefordert. Wenn das passiert, würden US-Firmen, die mit chinesischen Produktionsmitteln arbeiten, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren europäischen und japanischen Konkurrenten einbüßen, ihre Mitarbeiter könnten ihre Arbeitsplätze verlieren und   der Lebensstandard der US-Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen würde leiden, wenn die Preise für zahlreiche Güter steigen.

Das soll allerdings nicht heißen, dass China keine Änderungen vornehmen sollte. Das Land sollte daran arbeiten, Handelshemmnisse weiter abzubauen, Subventionen für staatliche Unternehmen zu reduzieren, Beschränkungen für ausländische Unternehmen, die im Land tätig sind, zu lockern und die Rechte an geistigem Eigentum zu stärken.

Wenn sich der bilaterale Handel jedoch fairer und effizienter gestalten soll, müssen auch die USA einige Änderungen vornehmen. Beispielsweise sollten die hohen (oft im Bereich um die 20 Prozent liegenden) Zölle auf Textilien und Bekleidung gesenkt werden, die eine Hauptkategorie der chinesischen Exporte bilden. Darüber hinaus sollte man das Antidumping-Regime (durch Eingliederung in das Kartellregime) reformieren und unfaire Regeln ändern, die chinesische Exporteure künstlich benachteiligen, weil Produktionskosten anderer Länder mit höheren Kosten der chinesischen Produktion zugerechnet werden.  

Sowohl die USA als auch China profitieren von der Normalisierung der bilateralen Handelsbeziehungen. Obwohl politische Reformen aufgrund von Interessensgruppen und des politischen Drucks überall schwierig sind, könnte ein wechselseitiger und ausgewogener Ansatz der Schlüssel für nachhaltige Fortschritte in beiden Ländern sein. Die Frage ist, ob die Führungspersönlichkeiten den notwendigen Mut und die Klugheit aufbringen, um die Beziehungen wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/MlojOSE/de;

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