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Ein fairer Kampf gegen antimikrobielle Resistenz

BRIGHTON – Bestehende antimikrobielle Arzneimittel werden unwirksam. Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, könnten wir erneut mit Bedingungen wie vor der Entdeckung der Antibiotika konfrontiert sein, als Infektionskrankheiten zu den häufigsten Todesursachen zählten.

Es wird schwierig, der Herausforderung durch arzneimittelresistente Mikroben zu begegnen. Dazu bedarf es nicht nur umfassender Investitionen in die Erforschung und Entwicklung neuer antimikrobieller Medikamente, sondern auch eines Systems zur Kontrolle und Beschränkung neuer Präparate, um deren Wirksamkeit zu erhalten. Ebenso wie im Falle des Klimawandels ist auch in diesem Bereich für eine wirksame Strategie internationale Koordination erforderlich. Insbesondere müssen die Bedürfnisse der Pharmaunternehmen mit denen der staatlichen Geldgeber und der Armen dieser Welt in Einklang gebracht werden.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Tatsächlich wird die Einbeziehung der Armen in sämtliche Bemühungen von entscheidender Bedeutung sein. Länder niedrigen und mittleren Einkommens gelten als vorrangige Entstehungsorte arzneimittelresistenter Organismen. Beengte Wohnverhältnisse, mangelhafte sanitäre Bedingungen und geschädigte Immunsysteme – ob aufgrund von Unterernährung oder chronischer Infektionen wie HIV – bilden den Nährboden für Ansteckungen. Antibiotika werden oftmals missbräuchlich angewendet oder sind von schlechter Qualität, wodurch Bakterien die Gelegenheit zur Entwicklung einer Resistenz geboten wird. Außerdem werden auch in der Viehzucht riesige Mengen an Antibiotika eingesetzt. Unterdessen sorgt eine bedeutend verbesserte Transportinfrastruktur – zwischen ländlichen und städtischen Gebieten sowie zwischen den Ländern – dafür, dass sich resistente Gene rasch zu einem Bestandteil des globalen Pools entwickeln. 

In zahlreichen gefährdeten Ländern können die staatlichen Gesundheitssysteme ihren Aufgaben nicht vollständig nachkommen, weswegen eine Vielzahl von Anbietern versucht, diese Kluft zu überbrücken. Die Palette reicht dabei von medizinischen Spezialisten bis hin zu informellen Anbietern, die größtenteils außerhalb des regulatorischen Rahmenwerks agieren. Diese Patchwork-Systeme haben durchaus ihre Vorteile. Eine vor kurzem in Bangladesch durchgeführte Studie kam beispielsweise zu dem Schluss, dass Antibiotika, die von oftmals an Marktständen praktizierenden, so genannten „Dorfärzten“ angeboten werden, zum Rückgang der Sterblichkeit bei postnataler Sepsis und kindlicher Lungenentzündung beitrugen.  Allerdings bestehen auch umfangreiche Belege dafür, dass diese Medikamente von unterschiedlicher Qualität sind und ihre Einnahme vielfach unnötig ist. Allzu oft kaufen die Patienten zu wenig Medikamente für eine vollständige Behandlung.

Eine Reaktion könnte darin bestehen, Gesetze zu formulieren und zu verabschieden, wonach Antibiotika nur nach ärztlicher Verschreibung abgegeben werden dürfen. Damit würde man am Ende allerdings den Zugang der Armen zu Antibiotika erheblich einschränken und die Todeszahlen infolge von Infektionen erhöhen. Somit wären derartige Gesetze politisch inakzeptabel und schwer umzusetzen. Eine bessere Alternative wäre die Entwicklung neuer Strategien zur Verbesserung antibiotischer Behandlungen, die durch informelle Kanäle zur Verfügung gestellt werden.

Zunächst sind Investitionen erforderlich, um zuverlässige Überwachungsdaten im Hinblick auf Medikamente zu erhalten, die gegen häufig auftretende Infektionen wirksam sind.  Diese Informationen sind in die Behandlungsrichtlinien aufzunehmen, die allen Anbietern von Antibiotika übermittelt werden sollten.

Unterdessen gilt es, qualitativ hochwertige Antibiotika zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Gefälschte Produkte müssen erkannt und vom Markt entfernt werden. Zur Qualitätskontrolle muss überdies eine regulatorische Partnerschaft zwischen Regierungen, der Pharmabranche und Bürgergruppen etabliert werden. Die Preise sind durch Beschaffung in großen Mengen niedrig zu halten. In manchen Fällen könnten öffentliche Zuschüsse notwendig sein.  

Ergänzt werden müssen diese Maßnahmen zur Preisreduktion durch Bestrebungen, den übermäßigen Einsatz dieser Medikamente zu vermeiden. Mit innovativen Verpackungen, die vielleicht die geeigneten Arzneimittelkombinationen in ausreichender Menge für eine vollständige Behandlung enthalten, könnten Therapie-Entscheidungen vereinfacht werden. Ebenso könnte die Entwicklung kostengünstiger Diagnosetechnologien zur Verringerung der Notwendigkeit beitragen, eine Behandlung allein auf Grundlage der Symptome zur Verfügung zu stellen. 

Die größte Herausforderung wird allerdings darin bestehen, die Anbieter von Antibiotika zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Dazu wird es Maßnahmen wie Zulassung, Änderung der Zahlungsmechanismen sowie die Beteiligung zwischengeschalteter Organisationen bedürfen, um technische Unterstützung zu gewährleisten und den Erfolg zu überwachen. Bei diesen Organisationen könnte es sich um NGOs, Sozialunternehmer und Firmen handeln, die Medikamente vertreiben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich diese Aktivitäten als kommerziell tragfähig erweisen, weswegen die Unterstützung von Regierungen, Wohltätigkeitsorganisationen und womöglich von Medikamentenherstellern erforderlich sein wird.

Unterdessen muss der Öffentlichkeit zuverlässige Information und Beratung über die richtige Anwendung von Antibiotika zur Verfügung gestellt werden. Das ist insbesondere dort von Bedeutung, wo die Bürger im Umgang mit gesundheitlichen Problemen größtenteils auf eigene Ressourcen angewiesen sind.

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Die Umsetzung einer systemweiten Änderung hinsichtlich des Einsatzes von Antibiotika erfordert die Schaffung nationaler und globaler Allianzen. Ein zentrales Ziel muss die Einführung grundlegender Verhaltensnormen für Gesundheitspersonal und Pharmaunternehmen sein, in denen sich die Bedürfnisse der Patienten und der Gemeinwesen widerspiegeln. Die Staaten werden entsprechende Kapazitäten aufbauen müssen, um in diesem Prozess eine effektive Rolle zu spielen. Unternehmen, die sich mit Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Medikamenten sowie Diagnoseinstrumenten beschäftigen, werden sich in die Suche nach gemeinschaftlichen Lösungen aktiv einzubringen haben. Nur wenn es uns gelingt, Antibiotika in fairer und nachhaltiger Weise einzusetzen, werden wir alle überhaupt von diesen Präparaten profitieren können.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier