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Wehrhaft gegen einen neuen Antisemitismus

LONDON – Botschafter Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, beschäftigten viele Dinge, als wir uns an einem verregneten Tag Anfang März in London trafen. Doch obwohl er nur fünf Stunden geschlafen hatte, fand der großgewachsene, kultivierte 73-jährige Kunstsammler, Geschäftsmann und Philanthrop klare Ansagen zu einer Reihe von Fragen.

Vorrangig gilt seine Sorge einem beunruhigenden Anstieg antisemitischer Vorfälle, nicht zuletzt in seinem Heimatland Amerika. Dazu zählen angedrohte oder tatsächliche Angriffe auf Synagogen und andere jüdische Institutionen sowie auch die Schändung von Gräbern in St. Louis im Bundesstaat Missouri und in anderen Städten. „Sogar in den USA, dem Land mit der stärksten jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora”, klagt Lauder, „ist der Antisemitismus höchst lebendig und präsent.“

Der Antisemitismus kommt in Wellen und jede historische Epoche liefert die entsprechenden Motivationen. Der christliche Antisemitismus gab den Juden die Schuld an Jesus’ Kreuzigung. Dieser Antisemitismus, der die Juden im Mittelalter und der frühen Neuzeit systematisch ausgrenzte, wurde durch einen pseudowissenschaftlichen, auf der Rassentheorie beruhenden Diskurs ersetzt, der letztlich in Auschwitz gipfelte. Als das schiere und ungeheuerliche Ausmaß des jüdischen Holocaust offenbar wurde, traten diese Ideen den Rückzug in die Schattenwelt der extremen Rechten an. Doch der Antisemitismus, der sich in Europa manchmal bemerkbar macht, kommt auch von der extremen Linken.

Besonders besorgt ist Lauder über die Entwicklungen in Ungarn, Frankreich und Großbritannien. Im Rahmen des innenpolitischen Diskurses in Ungarn wurden dubiose historische Figuren wie der Reichsverweser Admiral Miklós Horthy rehabilitiert – und im Zuge von Gedenkveranstaltungen sogar geehrt. Horthy hatte die Juden jahrzehntelang verfolgt, bevor Nazi-Deutschland in Ungarn einmarschierte. Die rechtsextreme Jobbik-Partei von heute ist Horthys direkte politische Erbin.  

In Frankreich hat sich Marine Le Pen vom Front National zwar von den morbiden antisemitischen Obsessionen ihres Vaters, Jean Marie Le Pen, distanziert, attackiert aber dafür in opportunistischer Weise französische Muslime. Und als Teil eines Versprechens, hart gegen religiöse Symbole in der Öffentlichkeit vorzugehen, fordert sie ein Verbot der Kippa und koscherer Tierschlachtung. Sollte Le Pen die Präsidentenwahlen gewinnen und diese Diskriminierung zur Realität werden lassen, hofft Lauder, dass alle französischen Männer aus Solidarität ein kleines Käppchen auf dem Hinterkopf tragen werden.

In Großbritannien schließlich hat sich die Labour Party unter Jeremy Corbyn zu einer umfassenden Protestpartei gewandelt, die mittlerweile den Aktivisten der Palästinensischen Solidaritätskampagne (PSC) eine politische Heimat bietet, obwohl in Großbritannien nur etwa 20.000 Palästinenser leben. Die PSC ist die treibende Kraft hinter der Bewegung Boycott, Divestment, and Sanctions (BDS), die vielfach ihre Gegnerschaft zu Israel mit Judenhass vermengt.

Aktivisten der BDS demonstrieren vor Geschäften in jüdischem Besitz – von kleinen Läden in Glasgow bis zum Einzelhandelsriesen Marks & Spencer – und machen jüdischen Studierenden auf vielen Universitäten das Leben schwer. Der von der Bewegung häufig vorgebrachte Vergleich Israels mit dem Apartheidregime in Südafrika ist besonders bösartig, da zahlreiche südafrikanische Juden, in manchen Fällen innerhalb des Afrikanischen Nationalkongresses, gegen die Apartheid kämpften.

Lauder mag ein pragmatischer Diplomat sein, aber er ist auch bereit zu kämpfen. Er berichtet, dass es in Großbritannien Bestrebungen gibt, das Recht von Stadt- und Gemeinderäten anzufechten, „gestenhafte“ BDS-Anträge einzubringen, die darauf abzielen, nicht mehr bei israelischen Firmen zu kaufen. Und auf praktischer Ebene führt die Interessensgruppe Jewish Human Rights Watch eine ausgezeichnete Webseite, wo die Einschüchterungsversuche der PSC und BDS dokumentiert werden.

Lauder hat im Laufe seiner Zeit beim Jüdischen Weltkongress persönlich Staats- und Regierungschefs aller politischer Couleurs – vom verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez bis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin - angeworben, um sich dem Kampf gegen den Antisemitismus anzuschließen. Unter den wenigen aussöhnenden Eigenschaften Putins befindet sich eine Aversion gegen Antisemitismus. Und tatsächlich floriert die jüdische Gemeinschaft in Russland. Jüdische Kindergärten und Schulen sind voll belegt und fünf neue jüdische Universitäten wurden eröffnet. Laut einer vom Jüdischen Kongress Russlands durchgeführten Umfrage weist Russland mit 8 Prozent der Befragten weltweit eine der niedrigsten Zahlen an antisemitisch eingestellten Menschen auf.

Der Jüdische Weltkongress wurde 1936 im Schatten einer früheren Phase des Antisemitismus gegründet. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, der Kampf gegen den Antisemitismus wäre der alleinige Schwerpunkt der Organisation. Sie spielte auch eine führende Rolle, als es darum ging, Juden zur Flucht aus der Sowjetunion zu verhelfen und die religiösen Freiheiten derjenigen zu verteidigen, die dort blieben.

Der Jüdische Weltkongress ist überdies ein bedeutender Akteur im Bemühen um das Holocaust-Gedenken. Und man arbeitet an der Rückgabe gestohlener Vermögenswerte an jüdische Familien, indem man sich mit Museen auseinandersetzt, die es mit der Provenienz ihrer Kunstwerke nicht so genau nehmen. 

Darüber hinaus engagiert sich der Jüdische Weltkongress in der Förderung jüdischer Gemeinden auf der ganzen Welt. Ironischerweise ist Deutschland das einzige Land in Europa mit einer wachsenden jüdischen Gemeinschaft, die mittlerweile 125.000 Mitglieder zählt. Und es ist eine Renaissance jüdischer Kultur im Gange: viele neue Synagogen wurden eröffnet und eine Mehrheit der Lehrenden und Studierenden im Fach Judaistik sind selbst keine Juden.

Dennoch gestaltet sich diese kulturelle Verjüngung nicht völlig störungsfrei. Führende Persönlichkeiten der rechtsradikalen Alternative für Deutschland (AfD) stellen regelmäßig die Notwendigkeit von Holocaust-Mahnmälern in Frage, einschließlich des besonders bewegenden „Denkmals für die ermordeten Juden Europas” in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin.

In Litauen finanziert der Jüdische Weltkongress ein Zentrum, das sich der Wiederbelebung des Jiddischen widmet, einer Sprache, die von osteuropäischen Juden über 800 Jahre lang gesprochen wurde. Und durch die Ermutigung zu Studentenaustauschprogrammen trägt man zur Förderung eines breiter angelegten interreligiösen Dialogs, insbesondere mit der Römisch-Katholischen Kirche, bei. Diese Bemühungen sind darauf ausgerichtet, eine der primären Ursachen des Antisemitismus zu beseitigen: wechselseitiges Unwissen und Unverständnis. 

Im Gespräch mit Lauder gewinnt man rasch den Eindruck, dass er mit seiner Mischung aus Urbanität und Einsicht genau die richtige Person ist, um in unruhigen Zeiten für die weltweite jüdische Gemeinschaft zu sprechen. Angesichts der – ausgerechnet - in Philadelphia zerstörten Grabsteine eines jüdischen Friedhofs hätte mich meine Begegnung mit Lauder mit Trübsinn erfüllen können; stattdessen verließ ich sie mit Optimismus. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier