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Kein Zurück mehr in der Antarktis

POTSDAM – Jüngste Satellitenbeobachtungen bestätigen die Richtigkeit zweier unabhängiger Computersimulationen, die zeigen, dass der westantarktische Eisschild inzwischen einen Zustand unaufhaltbaren Zusammenbruchs erreicht hat. Der Planet ist in eine neue Ära eingetreten, in der der Klimawandel irreversible Folgen zeigt. Die einzige Frage ist nun, ob wir genug tun werden, um ähnliche Entwicklungen andernorts zu verhindern.

Was die jüngsten Befunde zeigen, ist, dass wichtige Teile des Weltklimasystems trotz ihrer enormen Größe so anfällig sind, dass sie durch menschliches Tun unheilbar gestört werden können. Je mehr sich die Welt aufheizt, desto größer ist unweigerlich die Gefahr, dass andere Teile der Antarktis einen ähnlichen Kipppunkt erreichen; tatsächlich wissen wir inzwischen, dass das Wilkes-Becken in der Ostantarktis, das genauso groß oder noch größer ist als der Eisschild im Westen, ähnlich anfällig sein könnte.

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Es gibt nicht viele menschliche Aktivitäten, deren Auswirkungen über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende relativ genau vorhersagbar sind. Der Fallout aus Nuklearabfällen ist eine; der menschliche Beitrag zur globalen Erwärmung durch Treibhausgas-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und seine Auswirkungen auf den Anstieg des Meeresspiegels ist eine weitere.

Tatsächlich formuliert der letzte Bericht des Weltklimarates (IPCC) in ungewöhnlich drastischen Worten, dass ein weiterer Anstieg des Meeresspiegels in den kommenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden „praktisch sicher“ ist. Und je höher unsere Emissionen, desto stärker wird dieser Anstieg ausfallen.

Doch die jüngsten Erkenntnisse über die Antarktis haben eine neue Qualität. Statt mit allmählichen, vorhersehbaren Veränderungsmustern auf die globale Erwärmung zu reagieren, ist der westantarktische Eisschild plötzlich in einen neuen Zustand „umgekippt“. Eine relativ kleine Abschmelzung unter dem Eisschild der Amundsen-See hat seine Aufsetzlinie an die Spitze eines kleinen, gletscherbedeckten Hügels gedrückt, von der er jetzt „herunterrollt“. Einfach formuliert: Ein einziger Wärmestoß reichte aus, um eine Eigendynamik auszulösen, die nun nicht mehr aufzuhalten ist, egal, was wir Menschen auch tun, um sie zu stoppen.

Es ist nicht völlig klar, ob der Mensch dieses Umkippen verursacht hat – doch ist während der 11.500 Jahre des Holozäns, bevor der Mensch begann, in die Energiebilanz des Klimas einzugreifen, noch nie etwas Derartiges passiert. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist, zu erkennen, dass gigantische Teile des Klimasystems der Erde – wie etwa der drei Billiarden Tonnen schwere westantarktische Eisschild – umkippen können, wenn an ein paar zentralen Stellen die Temperatur um Bruchteile eines Grades ansteigt.

Dies ist nicht länger nur ein theoretisches Risiko. Zum ersten Mal laufen die Ergebnisse aus Beobachtungen und Computersimulationen alle auf dieselbe Schlussfolgerung zu: Der enorme Sektor der Amundsen-See in der Westantarktis hat begonnen, unaufhaltsam Eis abzugeben, und nichts kann die nun folgende Entleerung des gesamten Beckens noch aufhalten. Es hat seinen Kipppunkt überschritten.

Dies ist der Grund, warum wir uns nun auf ähnliche topografische Gegebenheiten andernorts konzentrieren müssen. Falls ein „Eiskorken“ in der Nähe der Küste des Wilkes-Beckens schmilzt oder in Eisberge zerbricht, werden sich enorme Wassermassen aus dem Becken in den Ozean ergießen. Auch wenn niemand weiß, was genau das Wilkes-Becken destabilisieren könnte, können wir ziemlich sicher sein, dass ein durch Treibhausgas-Emissionen verursachtes Fortschreiten der globalen Erwärmung das Risiko erhöht.

Dass der Meeresspiegel weiter steigen wird, steht inzwischen fest. Aber noch können wir bestimmen, wie hoch und wie schnell dieser Anstieg ausfallen wird, indem wir den Grad der von uns verursachten globalen Erwärmung steuern. Der Klimawandel ist menschgemacht – die gute Nachricht ist also, dass die Menschheit ihn aufhalten kann, indem sie die Treibhausgas-Emissionen senkt.

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Auch wenn das Schicksal der Westantarktis besiegelt ist, lässt sich der Zusammenbruch des ostantarktischen Meereisschildes vielleicht noch verhindern. Dies heißt, zu entscheiden – und zwar eher früher als später –, welchen Kurs wir einschlagen wollen. Unser gegenwärtiger Kurs birgt das Risiko einer weiteren Destabilisierung der Antarktis; die Entscheidung für den alternativen Weg eines neuen Energiesystems für den Planeten ist unsere letzte echte Hoffnung.

Aus dem Englischen von Jan Doolan