Chris Van Es

Anatomie einer aufgeschobenen Revolution

Der anhaltende Konflikt zwischen der iranischen Führung und der iranischen Öffentlichkeit ist das Resultat eines Frontalzusammenstoßes zweier gegensätzlicher Kräfte. In den vergangenen Jahren sind die Einstellungen der iranischen Öffentlichkeit liberaler geworden. Gleichzeitig hat eine Machtverschiebung von konservativem Pragmatismus hin zu einem wesentlich militanteren Fundamentalismus stattgefunden. Die Forderung der wichtigsten Gruppe der iranischen Kleriker die Wahlergebnisse nicht anzuerkennen ist lediglich das jüngste Anzeichen für die Gegenwehr sowohl des reformistischen als auch des pragmatisch konservativen Flügels.

Dreißig Jahre nach der islamischen Revolution sind die Iraner nachweislich weniger religiös und liberaler. Zwei in den Jahren 2000 und 2005 von Angesicht zu Angesicht durchgeführte Umfragen mit über 2.500 iranischen Erwachsenen belegen diesen Trend eindeutig. Der Prozentsatz derer, die „ausdrücklich zustimmen“, dass Demokratie die beste Regierungsform ist, ist von 20% auf 31% gestiegen.

Bei einer Reihe von Fragen in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern – einschließlich politische Führung, gleicher Zugang zu höherer Bildung und der Gehorsamspflicht der Ehefrau – zeichnet sich bei den Zahlen ein vergleichbarer Abwärtstrend ab. Der Anteil derjenigen, die Liebe als Grundlage für eine Ehe betrachten, stieg von 49% auf 69%, während der Anteil derer, die von der Zustimmung der Eltern abhängig sind, von 41% auf 24% fiel. Im Jahr 2005 definierte sich ein wesentlich höherer Prozentsatz als „vor allem iranisch“ im Gegensatz zu „vor allem moslemisch“.

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