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Ein Erdbeben in der chinesischen Politik?

PEKING: Nun, da die Nachbeben des großen Erdstoßes von Sichuan anscheinend verklungen sind, ist es Zeit für die Frage, ob und in wieweit das Beben auch Chinas politisches System erschüttert hat. Hat es eine neue, positive politische Kraft geboren, die Reformen beschleunigen wird?

So etwas gab es schon einmal: Kurz nach dem verheerenden Erdbeben von Tangshan von 1976 kam es zu dramatischen politischen Veränderungen – dem Sturz der „Viererbande“ und der Konsolidierung der Stellung Deng Xiaopings als oberster Führer Chinas.

Angesichts des deutlichen Kontrastes zwischen der fürsorglichen Haltung von Ministerpräsident Wen Jiabao während des Erdbebens und der durchwachsenen politischen Leistung Präsident Hu Jintaos konnten manche die Vermutung nicht unterdrücken, dass das Beben das Gleichgewicht an der Spitze der Kommunistischen Partei verschoben und die von Wen vertretenen liberalen Kräfte ins Zentrum der Macht gerückt habe. Dies freilich ist naiv.

Anders als vor 30 Jahren gibt es in Chinas enormem Verwaltungsapparat heute keine starke Kraft, die für politische Reformen eintritt. Damals hatte Maos Kulturrevolution eine große Zahl seiner Revolutionskameraden auf einen Reformweg gezwungen. Im heutigen China ist die überwiegende Mehrheit der Bürokraten mit dem Status quo zufrieden, und sie verfügt über ausreichend Ressourcen zum eigenen Schutz.