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Amerika ist weiser geworden

NEW YORK – Als Amerika die Meldungen über die Bombenanschläge auf den Boston-Marathon in sich aufsog, fiel vor allem das auf, was nicht passierte. Zwölf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war das Land traurig, aber es war auch besser informiert.

Blindwütiger Hurrapatriotismus, Wir-müssen-sie-um-jeden-Preis-kriegen-Blutrünstigkeit, gebetsmühlenhafte Volksreden und Fahnengeschwenke wie nach den Anschlägen vom 11. September kamen kaum vor. Besonders bemerkenswert war das Fehlen reflexartiger Islamophobie und der Bereitschaft in einen Krieg zu ziehen – auch in den falschen Krieg im falschen Land aus den falschen Gründen – gegen das vermeintlich schuldige „Fremde“.

Stattdessen war die Traurigkeit der Amerikaner dieses Mal gepaart mit Zynismus und Argwohn. Im Land ist das Misstrauen gewachsen, manipuliert zu werden. Während die Amerikaner um die Toten trauen und die Stadt Boston unterstützen, ist das Nationalbewusstsein gewissermaßen davon durchdrungen, dass die amerikanische Führung das Gespenst des Terrorismus benutzt hat, um in die Persönlichkeitsrechte einzugreifen, fast jede erdenkliche Zeit- und Geldverschwendung im Dienste der inneren Sicherheit zu finanzieren und die eigennützigen Interessen der Verteidigungsindustrie und Überwachungsbranche zu fördern.

Anders als es nach den Anschlägen vom 11. September der Fall war, hat sogar das konservative Publikum des Nachrichtensenders Fox News gemerkt, dass die USA ernten, was sie selbst gesät haben − in den USA spricht man von einem „Blowback“. Die sorgfältig orchestrierte Darstellung in der Öffentlichkeit, die damals so gut funktioniert hatte – dass die Anschläge durchgeführt worden seien, weil „sie unsere Freiheiten hassen“ – klingt nicht mehr glaubhaft.