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Amerikas schlafende Wachhunde

Diesen Monat möchte ich von meinem üblichen Wirtschaftsthema abweichen und mich stattdessen darauf konzentrieren, mit welchem System die Presse – vor allem die amerikanische Presse – derzeit über die Regierung Bericht erstattet. Doch stellt dies vielleicht keine zu große Abweichung dar, da das Verhalten der Presse nicht nur die Politik beeinflusst, sondern auch die Wirtschaft.

Nehmen wir einen Leitartikel aus der Feder des Kommentarteilchefs Fred Hiatt vom März, in dem er eine sehr knappe und eingeschränkte Entschuldigung für die Berichterstattung und Bewertung der Zeitung hinsichtlich der Regierung Bush vorbringt. Laut Hiatt „haben wir solche Punkte behandelt“, beispielsweise, ob die Regierung Bush das von ihr vorgeschlagene Abenteuer im Irak wirklich durchdacht hatte, „aber mit unzureichendem Nachdruck.“ Anders ausgedrückt, Hiatt kritisiert sich selbst und seine Organisation dafür, zwar das Richtige gesagt zu haben, aber nicht laut genug.

Führen wir uns als Nächstes einen Kommentar von Max Frankel, einem früheren Redakteur der New York Times, vor Augen: Das Washingtoner „Biotop“ der undichten Stellen, durch die Informationen an die Medien durchsickern, sei gesund, da „die meisten Reporter die zugespielten Informationen nicht nur träge wiederkäuen.“ Stattdessen „benutzen sie sie als Hebel, um andere Geheimnisse herauszubekommen“, und überwachen so die Regierung. Das System sei vielleicht „nachlässig und führt zu Verwirrung“, aber die Inkaufnahme von Fehlinformationen aus undichten Stellen in der Regierung sei der Preis, den die Gesellschaft für den Vorteil zahlen müsse, wichtige Informationen über die Regierung zugespielt zu bekommen.

Wo Hiatt also eine Presse sieht, die etwas zu feige bei der Beaufsichtigung der Regierung Bush vorging, sieht Frankel eine Presse, die trotz ihres nachlässigen und verwirrenden Systems immer noch gute Arbeit leistet. Ich sehe die Dinge ganz anders.