0

Amerikas zweites goldenes Zeitalter

Der reichste Kongresswahlbezirk in den USA ist der sogenannte Bezirk der "Seidenen Strümpfe" im Nordosten der Stadt New York mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 41.151,- Dollar im Jahr. Der ärmste Kongresswahlbezirk ist ein hauptsächlich von Einwanderern aus Lateinamerika bewohnter Bezirk in Los Angeles mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 6.997,- $. 1973 bekam das unterste Fünftel der Familien Amerikas ein Familieneinkommen von durchschnittlich 13.240,- $ im Jahr (nach heutigen Dollars); im Jahr 2000 lag das durchschnittliche Familieneinkommen des ärmsten Fünftels immer noch bei 13.320,- $. Im Gegensatz verfügten die 5 % reichsten Familien Amerikas 1973 über ein durchschnittliches Familieneinkommen von 149.150,- $ und im Jahr 2000 bereits über eines von durchschnittlich 254.840,-$. Die Einkommensunterschiede haben so zugenommen, dass die Reichsten eine Steigerung um rund 2/3 in einer Zeit erlebten, in der die Einkommen in der Mitte nur um 10 % und ganz unten überhaupt nicht zunahmen.

Für Außenstehende ist an den wachsenden Einkommensunterschieden in Amerika am aller wenigsten zu verstehen, dass so wenige Amerikaner dagegen protestieren. Offensichtlich ist doch eine Gesellschaft mit einer so krummen Einkommensverteilung viel schlechter gestellt als eine, in der die Einkommen deutlich gleichmäßiger verteilt sind. Ein zusätzliches Einkommen von 10.000 $ im Jahr steigert das Wohlbefinden eines Multimillionärs kaum noch; wenn dagegen einer Familie der Mittelschicht 10.000 $ im Jahr fehlen, hat das gewaltige Auswirkung auf ihre Lebensweise.

Wenn Sie dem Nobelpreisträger James Buchanan und seinem Nützlichkeitsprinzip folgen, wonach man den sozialen Wohlstand einer Gesellschaft danach bewerten kann, ob die Bürger meinen, die gleiche Chance zu haben, arm oder reich zu werden, dann folgt daraus leicht der Schluss, dass eine Gesellschaft mit mehr Einkommensgleichheit unter besseren sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebt. Von dieser Annahme folgt auch sehr leicht der weitere Schluss, dass es bei steigender Einkommensungleichheit die Pflicht der Regierung sei, die Reichen zu besteuern und Geld an die Armen zurückzugeben, um ein weiteres Ausufern der Unterschiede auszugleichen - jedenfalls solange eine solche Umverteilungssteuer das Wirtschaftswachstum nicht beeinträchtigt,

Doch werden in der allgemein gängigen Politik noch keine Forderungen nach einer stärkeren Progression der Einkommenssteuer laut. Vielmehr wird am linken Rand der allgemeinen politischen Debatte nur gefordert, die Reichen sollten auch einen "fairen" Anteil an den Regierungskosten mittragen.