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Amerikas 87 weitere Defizite

NEW HAVEN: Die USA haben ein klassisches multilaterales Handelsungleichgewicht. Sie weisen nicht nur gegenüber China ein großes Handelsdefizit auf, sondern haben auch noch in Bezug auf 87 weitere Länder Defizite. Ein multilaterales Defizit lässt sich nicht beheben, indem man eine seiner bilateralen Komponenten unter Druck setzt. Aber versuchen Sie mal, das dem wachsenden Chor jener Amerikaner beizubringen, die lautstark über China herziehen.

Amerikas enormes Handelsdefizit ist eine direkte Folge eines nie dagewesenen Ausfalls bei den inländischen Ersparnissen. Das breiteste und sinnvollste Maß der Fähigkeit eines Landes, Ersparnisse zu bilden, ist, was die Ökonomen als „nationale Nettosparquote“ bezeichnen – die kombinierten Ersparnisse der Bevölkerung, der Unternehmen und des Staates. Diese werden „netto“ gemessen, um die mit veraltenden oder nicht mehr benötigten Kapazitäten verbundenen Abschreibungen nicht mitzuberücksichtigen. Die Nettosparquote stellt eine Messgröße für die Ersparnisse dar, die zur Verfügung stehen, um eine Ausweitung des Kapitalstocks eines Landes zu finanzieren und so sein wirtschaftliches Wachstum aufrechtzuerhalten,

In den USA wird schlicht und einfach netto nicht mehr gespart. Seit dem vierten Quartal 2008 ist Amerikas nationale Nettosparquote negativ – was im scharfen Kontrast zu ihrem Durchschnittswert von 6,4% vom BIP der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts steht. Noch nie in der neueren Geschichte hat die führende Wirtschaftsmacht der Welt einen Sparausfall von derart epischen Proportionen erlebt.

Doch die USA fanden einen Weg, dieses Problem trickreich zu überwinden. Indem sie das „exorbitante Privileg“ (Valéry Giscard d’Estaing) der Weltreservewährung ausnutzten, konnten sie überschüssige Ersparnisse aus dem Ausland zu sehr attraktiven Bedingungen leihen. Um ausländisches Kapital anzulocken, gingen sie enorme Zahlungs- bzw. Leistungsbilanzdefizite ein.