Mexico obesity Pedro Pardo/Getty Images

Die USA exportieren Fettleibigkeit

CAMBRIDGE – Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat bei ihren laufenden Handelsvereinbarungen die Ellenbogen ausgefahren und ist zudem dabei, von Präsident Barack Obama eingeführte Regulierungsmaßnahmen systematisch zurückzunehmen. Ein Opfer dieser Politik dürften die Bemühungen zur Bekämpfung der globalen Fettleibigkeitsepidemie sein. Ohne Gegenmaßnahmen könnten die rapide steigenden Fettleibigkeitsraten die enormen Fortschritte bei Gesundheit und Lebenserwartung, die in großen Teilen der Welt in den letzten Jahrzehnten erzielt wurden, verlangsamen oder gar umkehren. Und indem die USA Ländern wie Mexiko und Kanada ihre Ernährungskultur aufzwingen, verschärfen sie das Problem.

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Eines der Paradoxa des modernen globalen Kapitalismus ist, dass einerseits mehr als 800 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen haben, andererseits jedoch geschätzte 700 Millionen Menschen (darunter 100 Millionen Kinder) fettleibig sind. Diese beiden Sachverhalte stehen natürlich nicht zwangsläufig in einer direkten Beziehung. Ein beträchtlicher Anteil des Welthungers tritt in Ländern auf, die unter internen Konflikten oder stark dysfunktionalen Regierungen leiden.

Die Fettleibigkeitsepidemie jedoch hat ein sehr viel umfassenderes Verbreitungsgebiet und betrifft die hochentwickelten Volkswirtschaften und die meisten Schwellenmärkte. Obwohl innerhalb von Ländern eine gewisse Beziehung zwischen Fettleibigkeit und Armut besteht, ist es bemerkenswert, dass die Fettleibigkeitsraten in reichen Ländern wie den USA, Großbritannien und Kanada zu den höchsten weltweit gehören.

Laut einer aktuellen Schätzung der US Centers for Disease Control (CDC) sind schockierende 40% aller Amerikaner fettleibig (wobei dies als BMI von 30 oder höher definiert wird). Diese Zahl schließt 20,6% aller Jugendlichen (im Alter von 12-19 Jahren) ein. Laut den CDC ist das Durchschnittsgewicht einer amerikanischen Frau heute höher als das Durchschnittsgewicht eines amerikanischen Mannes im Jahre 1960 (75 kg).

Damals im Jahr 1960 betrug das Durchschnittsgewicht einer amerikanischen Frau 63,5 kg, während das Durchschnittsgewicht eines amerikanischen Mannes heute bei 88,5 kg liegt. (Im selben Zeitraum hat die durchschnittliche Körpergröße nur um 2,5 cm zugenommen.) Dieselbe Dynamik zeichnet sich weltweit ab: Die Fettleibigkeitsraten steigen in Europa, Lateinamerika und selbst China steil an.

Obwohl es schwierig ist, die langfristigen Gesundheitsfolgen zu messen, gibt es jede Menge Belege, dass Fettleibigkeit zu höheren Raten von Typ-II-Diabetes, Herzanfällen und bestimmten Krebsarten führt. Die gesundheitlichen Kosten sind atemberaubend und belaufen sich allein in den USA auf schätzungsweise 200 Milliarden Dollar pro Jahr. Und die steigenden Fettleibigkeitsraten bei Kindern weltweit lassen erheblich größere Gesundheitsprobleme künftiger Erwachsenengenerationen erwarten; d. h. die Kosten dürften noch deutlich steigen.

Fettleibigkeit hat viele unterschiedliche und komplexe Ursachen. Trotzdem häufen sich die Hinweise, dass eine Kultur, die schwerpunktmäßig auf industriell verarbeitete Lebensmittel und einen sitzenden Lebensstil ausgerichtet ist, im Kern des Problems steht. Weitere wichtige Faktoren in den Schwellenmärkten sind die rasche Urbanisierung sowie der Wunsch, einen westlichen Lebensstil nachzuahmen.

Viele Regierungen haben Initiativen eingeleitet, um die Ernährungserziehung zu verbessern. Leider nehmen sich diese Bemühungen im Verhältnis zur Werbung der Industrie in der Regel winzig aus, und auch gegenüber den Bemühungen von US-Handelslobbyisten, der übrigen Welt industriell verarbeitete Lebensmittel und Fastfood aufzudrängen.

Es fällt schwer, die Tatsache zu ignorieren, dass Mexikos Fettleibigkeitsrate bei Erwachsenen seit Annahme des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) 1993 steil in die Höhe geschossen ist. Obwohl es hierfür viele Ursachen gibt, leisten ausländische Direktinvestitionen in die weiterverarbeitende Lebensmittelindustrie und eine steile Zunahme bei der Werbung im Gefolge von NAFTA einen wichtigen Beitrag dazu.

Der mexikanische Konsum zuckerhaltiger Getränke hat sich zwischen 1993 und 2014 nahezu verdreifacht, und eine seitdem eingeführte neue Steuer auf zuckerhaltige Getränke hat die Nachfrage nur geringfügig verringert. Beim anderen NAFTA-Partner, Kanada, ist in ähnlicher Weise eine Zunahme bei der Fettleibigkeit zu verzeichnen, was unter anderem daran liegt, dass US-Importe zu einem starken Rückgang der Fruchtzuckerpreise geführt haben.

Es ist bedauerlich, dass die staatlichen Regulierungsbehörden derart langsam reagiert haben, um diese Trends etwa durch Maßnahmen zur Förderung der Ernährungserziehung der Öffentlichkeit umzukehren. Zudem hat sich die staatliche Ernährungsberatung zur Bekämpfung der Fettleibigkeit zu lange auf eine mechanische Reduzierung der Kalorienaufnahme konzentriert, ohne zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Lebensmittel enorm unterschiedliche Auswirkungen auf den Appetit haben (wie David Ludwig, Professor an der Harvard Medical School, in seinem hervorragenden neuen Buch Always Hungrybetont).

Skeptiker werden jetzt möglicherweise darauf hinweisen, dass die Ernährungsempfehlungen ständig im Fluss zu sein scheinen und dass etwas, was noch letztes Jahr als Ernährungssünde galt, heute vielleicht schon als das neue Superfood angesehen wird – und umgekehrt. Doch obwohl da etwas dran ist, ist es eine Tatsache, dass die Ernährungswissenschaft in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht hat.

Der Staat hat neben Erziehungsmaßnahmen noch andere Instrumente zur Verfügung, um auf die Essgewohnheiten der Menschen einzuwirken. Er kann und sollte an Kinder gerichtete Werbung stärker beschränken, so wie das Großbritannien, Frankreich und mehrere andere Länder bereits getan haben; Fettleibigkeit in jungen Jahren kann zu lebenslangen Problemen führen. Darüber hinaus haben David Ludwig, Dariush Mozaffarian (Tufts University) und ich die Einführung einer Steuer auf industriell verarbeitete Lebensmittel vorgeschlagen, die im Wesentlichen der Besteuerung auf Tabakwaren ähnelt. Die Erlöse aus dieser Steuer könnten genutzt werden, um gesündere Alternativen zu subventionieren.

Es ist möglicherweise Wunschdenken, zu erwarten, dass die gegenwärtige US-Regierung irgendeine Form von Strategie zur Bekämpfung von Fettleibigkeit in Betracht ziehen würde, da sie nach wie vor geschäftig dabei ist, die Maßnahmen der Obama-Ära rückgängig zu machen. Doch ist dies nur ein Grund mehr, warum Länder, die neue Handelsabkommen mit den USA eingehen (etwa Großbritannien im Gefolge des Brexit oder Kanada im Gefolge von NAFTA) sich vor Bestimmungen hüten sollten, die ihnen im Kampf gegen die Fettleibigkeit die Hände binden würden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/lRCyanw/de;

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