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Die uneinigen Staaten

MADRID – Im Jahr 1946, als das vom Krieg zerstörte Europa erschöpft in Trümmern lag, hielt der britische Kriegspremier Winston Churchill in Zürich eine Rede, in der er die Notwendigkeit betonte „das europäische Gefüge neu zu erschaffen“, um auf dem Kontinent Frieden und Freiheit wiederherzustellen. „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten” erklärte Churchill. Dabei handelte es sich um den Gründungsmoment einer Struktur, aus der später die Europäische Union hervorgehen sollte, obwohl sich Churchills Ansichten darüber, welchen Platz das Vereinigte Königreich in Europa einnehmen sollte, etwas differenzierter gestalteten.

Die nachfolgenden Versuche, ein vereintes Europa aufzubauen, wurden der von Churchill an diesem Tag präsentierten großen Vision nie gerecht. In den seit dieser Rede vergangenen 74 Jahren weigerte sich das Vereinigte Königreich nämlich zunächst, am europäischen Projekt teilzunehmen, trat dann doch widerwillig in die Gemeinschaft ein und sicherte sich zahllose Sonderregelungen und Zugeständnisse, nur um im Januar dieses Jahres wieder auszutreten.

Dennoch blieb die Vorstellung einer gefestigten Union erhalten, wobei die Vereinigten Staaten von Amerika als Idealbild dafür dienten, was aus Europa dereinst werden sollte. Im Jahr 2006, ein Jahr nachdem französische und holländische Wähler einer unter einem schlechten Stern stehenden Europäischen Verfassung eine Absage erteilt hatten, veröffentlichte der damalige belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt ein Manifest über die Zukunft des Kontinents, das Erinnerungen an Churchills Traum wach werden ließ. Der Titel des Dokuments lautete: „Die Vereinigten Staaten von Europa.“

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