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Amerika nach der Wahl

NEW YORK – Die laufende Präsidentschaftskampagne in den Vereinigten Staaten ist durch ihren Mangel an Umgangsformen und die enormen Unterschiede zwischen den Kandidaten gekennzeichnet: des Establishment-Gegners Donald Trump auf der republikanischen Seite und der hochglanzpolierten Politikerin Hillary Clinton für die Demokraten. Das Rennen hat tiefe Gräben innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft ans Tageslicht gebracht und den weltweiten Ruf des Landes beschädigt. So überrascht es nicht, dass eins der wenigen Dinge, auf die sich die Amerikaner einigen können, darin besteht, dass diese Kampagne bereits viel zu lang gewesen ist. Aber bald wird sie vorbei sein. Und die Frage lautet: Was kommt danach?

Die Umfragen legen nahe, dass Clinton, eine ehemalige Senatorin und Außenministerin, den umstrittenen Trump schlagen wird. Aber Umfragen sollten nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Immerhin glaubten die meisten Beobachter vor dem Brexit-Referendum im Juni auch, die Entscheidung für einen Verbleib in der EU sei eine sichere Sache. Später dann lehnten die kolumbischen Wähler ein Friedensabkommen ab, von dem weithin angenommen wurde, es werde von der Öffentlichkeit unterstützt.

All dies bedeutet, dass ein Sieg Clintons zwar wahrscheinlich ist, aber nicht sicher. Die einzige Abstimmung, die zählt, ist die vom 8. November. Bis dahin können wir nur spekulieren.

Aber einige Vorhersagen können mit größerer Sicherheit gemacht werden. Es gibt kaum Zweifel daran, dass die USA unabhängig davon, wer Präsident wird oder welche Partei in welcher Kongresskammer die Mehrheit hat, aus dieser Wahl als ein geteiltes Land hervorgehen wird. Weder die Demokraten noch die Republikaner werden ihre Ziele erreichen können, ohne wenigstens ein Mindestmaß an Unterstützung der anderen Seite zu haben.