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Ein Schritt zu weit für Sunniten und Schiiten

BAGDAD – Die jüngsten Parlamentswahlen im Irak – die ersten seit Abzug der US-Truppen im Jahr 2011 – wurden inmitten einer Welle zunehmender Gewalt abgehalten, die mit großer Geschwindigkeit auf das Niveau während des Aufstands der Jahre 2005-2007 zusteuert. Wird die neue Regierung wieder Ordnung herstellen und die vielen enormen Herausforderungen in Angriff nehmen können, vor denen der Irak nun steht?

Diese Herausforderungen sind in der Tat gewaltig. Die Behörden müssen grundlegende Verfassungsfragen lösen (etwa, ob der Irak ein Bundesstaat oder ein Staatenbund sein sollte), wieder eine Zivilgesellschaft aufbauen, die staatlichen Institutionen reformieren, die Wirtschaft umbauen und die Verschwendung und Korruption im Ölsektor beenden.

Doch die vielleicht unlösbarste Herausforderung von allen besteht in der Überbrückung der religiösen Kluft zwischen den schiitischen und sunnitischen Bürgern des Landes. Diese Risse spiegeln sich in anderen arabischen Ländern (wie Syrien, dem Libanon, den Golfstaaten und Jemen) und zunehmend in der weiteren muslimischen Welt (einschließlich von Pakistan, Malaysia und Indonesien) wider. Ist dies eine historische Verirrung, oder sind die beiden größten islamischen Sekten zu ewiger gegenseitiger Feindschaft verdammt?

Es gab ganz klar Zeiten, in denen die beiden Gemeinschaften in friedlicher Koexistenz lebten. Was jedoch heute wichtig ist, ist, dass Schiiten und Sunniten ihre Vergangenheit unterschiedlich wahrnehmen und dass sich dieses historische Gedächtnis verzerren – und sogar erfinden – lässt, um Misstrauen und Hass zu schüren.