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Afrikas Diktator-Diplomat

BRÜSSEL – Der kürzliche Tod des äthiopischen Ministerpräsidenten Meles Zenawi in Brüssel klärt die Hintergründe seiner zweimonatigen mysteriösen Abwesenheit  aus dem öffentlichen Leben auf. Die äthiopische Regierung hatte Gerüchte um seinen schlechten Gesundheitszustand aufgrund von Leberkrebs heftig dementiert. Nun, da sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet haben, werden Äthiopien und ganz Ostafrika lernen müssen, ohne den stabilisierenden Einfluss ihres großen Diktator-Diplomaten zu leben.

Meles war gewiss beides. Unter seiner Führung hat Äthiopien, das er mit starker Hand regierte, einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht. Im Jahr 1991 übernahm seine Tigray-Minderheit aus dem Norden des Landes nach dem Sturz des verhassten kommunistischen Derg unter Mengistu Haile Mariam die Führung (der übrigens noch immer seinen komfortablen Ruhestand in Robert Mugabes Simbabwe genießt).

Anfangs fungierte Meles (sein Kampfname in der Revolution) als Präsident der ersten Regierung nach der Herrschaft des Derg. Zwischen 1995 und seinem Tod war er Ministerpräsident des Landes und in den letzten Jahren gelang es ihm, für ein jährliches BIP-Wachstum von 7,7 Prozent zu sorgen. Die starke Wirtschaftsleistung kommt angesichts des interventionistischen Ansatzes seiner Politik etwas überraschend, aber Meles zeigte sich als vollendeter Pragmatiker, wenn es darum ging, Investitionen – vor allem aus China – anzulocken, um das Wachstum anzukurbeln.

Meles politische Herkunft als Anführer der Volksbefreiungsfront von Tigray war marxistisch-leninistisch geprägt. Aber mit dem Ende des Kalten Krieges war es auch mit seinem Dogmatismus vorbei. Es ist ihm anzurechnen, dass die Kindersterblichkeit unter seiner Regierung um 40 Prozent gesenkt wurde; dass es zu einer Diversifizierung der äthiopischen Wirtschaft mit neuen Branchen wie Autoherstellung, Getränke und Blumen kam; und dass große Infrastrukturprojekte, darunter Afrikas größte Talsperre für ein Wasserkraftwerk, initiiert wurden. Vor kurzem überholte Äthiopien Angola als drittgrößte Ökonomie des afrikanischen Kontinents – und das, im Gegensatz zu den Spitzenreitern Südafrika und Nigeria, ganz ohne die Vorteile durch Gold oder Öl.