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emoruwa1_PaulSchemmTheWashingtonPostviaGettyImages_ethiopiansreadnewspaper Paul Schemm/The Washington Post via Getty Images

Afrika braucht die traditionellen Medien

ABUJA – Im Juni trat der Bruder des senegalesischen Präsidenten Macky Sall, Alou Sall, von seinem Posten als Chef eines staatlichen Sparfonds zurück. Vorangegangen war diesem Schritt öffentliche Empörung über Anschuldigungen gegen ihn (die er zurückweist), wonach er in korrupte Öl- und Gasgeschäfte verwickelt gewesen sein soll. Geäußert wurde diese Empörung in sozialen Medien und in den Straßen von Dakar, aber der Auslöser war investigativer Journalismus der BBC. Das unterstreicht die nach wie vor bestehende Macht traditioneller Medien, einen Wandel herbeizuführen. 

Während Social-Media-Plattformen wegen ihrer Geschwindigkeit und Zugänglichkeit viel Aufmerksamkeit erhalten, ist eine glaubwürdige freie Presse – die sich der Wahrheitsfindung widmet und nicht einfach nur die offizielle Linie der Regierung oder der Partikularinteressen wiedergibt – nach wie vor von entscheidender Bedeutung für die Stärkung der Rechenschaftspflicht an Orten, wo diese oftmals schwer zu finden ist. Und in Afrika haben unabhängige Investigativjournalisten schon oft Korruption, Machtmissbrauch und zwielichtige Geschäfte in den höchsten Kreisen aufgedeckt.

In Kenia berichtete beispielsweise eine führende Lokalzeitung, dass Philip Kinisu, ehemaliger Vorsitzender des Ethik- und Anti-Korruptionsausschusses, vom nationalen Jugenddienst des Landes verdächtige Zahlungen erhalten hatte. Weitergehende Ermittlungen bei diesem Jugenddienst förderten weitere korrupte Geschäfte zutage, wodurch sich die Kenianer veranlasst sahen, auf den Straßen zu protestieren.

Doch die Mächtigen wissen sich zu wehren – und kennen dabei keine Zurückhaltung. Aus diesem Grund wird die freie Presse in zahlreichen afrikanischen Ländern desavouiert, unterdrückt und sogar aufgelöst.

Das extremste Beispiel für die Unterdrückung der Medien in Afrika ist in Eritrea zu finden, wo nach Schätzungen von Reporter ohne Grenzen mindestens 11 Journalisten im Gefängnis vegetieren. Das Land verfügt über lediglich ein unabhängiges und überparteiliches Medienunternehmen – einen in Paris ansässigen Radiosender, der von im Exil lebenden Journalisten betrieben wird und dessen Signal oft blockiert wird.

Doch die Angriffe auf die ohnehin schon prekäre Freiheit der afrikanischen Nachrichtenmedien nehmen zu. Häufig erfolgen sie in Form von Gewalt gegen unabhängige Journalisten. Letztes Jahr wurden in Nigeria zwei Journalisten von Sicherheitskräften aus dem Umfeld des Präsidenten attackiert. Im Januar wurde in Ghana ein Undercover-Journalist erschossen, nachdem ein Politiker zu einer Racheaktion gegen ihn aufgerufen hatte, weil der Journalist einen Enthüllungsbericht über die Korruption in den Fußballligen des Landes veröffentlicht hatte. 

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Auch Regierungen versuchen, die Kontrolle über die Medien zu erlangen, selbst wenn das die Schließung der Unternehmen bedeutet. In Tansania verbot die Regierung unter Präsident John Magufuli regierungskritische Zeitungen und Radiostationen, unter dem Vorwand, sie würden „Volksverhetzung“ betreiben und seien eine „Bedrohung der nationalen Sicherheit.“ Nachrichtenunternehmen wurden - in zumindest einem Fall von bewaffneten Männern - gezwungen, Berichte zu veröffentlichen, die für die herrschende Elite von Vorteil sind.

Noch weiter unter Druck gesetzt werden unabhängige Medien durch chronische Unterfinanzierung. Den Journalisten fehlt es nicht nur an den für ihre Arbeit notwendigen Ressourcen; vielfach ist ihr Gehalt auch derart niedrig, dass sie selbst anfällig für Korruption werden. In Nigeria ist der „Journalismus im braunen Briefumschlag” -  die Bezahlung der Reporter durch Einzelpersonen oder Organisationen für gewogene Berichterstattung -  gang und gäbe.

Wo unabhängige Medien zum Schweigen gebracht, genötigt oder gekapert werden, hat die Öffentlichkeit nur wenige Möglichkeiten, Informationen zu erhalten, die über die von Regierungen und Partikularinteressen vorgebrachten Narrative hinausgehen. Social-Media-Plattformen können eine Rolle spielen, aber ihre wichtigste Stärke - ihr demokratischer Charakter - ist gleichzeitig auch ihre größte Schwäche. Sie haben sich nämlich als ideale Medien zur Verbreitung von Fake News erwiesen, die die öffentliche Debatte vergiften und das Vertrauen sowohl in Fakten als auch in Institutionen untergraben.

Diese Dynamik war während des letzten Wahlkampfs in Nigeria deutlich sichtbar. Fake News – wie die Behauptung, Präsident Muhammadu Buhari sei verstorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden – verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Millionen Nigerianer glaubten diese Nachrichten und einige töteten sogar Menschen als Vergeltung für erfundene Gewaltdelikte. Den politischen Parteien nahestehende Personen erkannten die Macht derartiger Geschichten und begannen, Behauptungen zu erfinden und zu verbreiten, die ihren Kandidaten zugutekamen und den Wahlkampf erheblich verzerrten.  

Unabhängige, traditionelle Nachrichtenunternehmen vermeiden dieses Problem nicht nur, sondern sind auch der Schlüssel zu dessen Lösung, denn nur sie können den Wahrheitsgehalt der in den sozialen Medien verbreiteten Nachrichten überprüfen. Aus diesem Grund arbeiten Facebook und Google mit traditionellen Medienunternehmen zusammen, um die Verbreitung von Fake News auf ihren Plattformen in Nigeria, Südafrika, Sambia, Kenia und Simbabwe zu bekämpfen.

Doch wenn traditionelle unabhängige Medien ihre zentrale Rolle erfüllen sollen, brauchen sie Ressourcen. Wo Regierungen die Pressefreiheit einschränken, sollten westliche Geber die erforderlichen Finanzmittel bereitstellen. Angesichts der Bedeutung einer glaubwürdigen freien Presse sowohl für die Entwicklung als auch für die Demokratie handelt es sich dabei zweifellos um eine solide Investition.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

https://prosyn.org/XuHK58b/de;

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