leonard69_Haroon SabawoonAnadolu Agency via Getty Images_airport kabul Haroon Sabawoon/Anadolu Agency via Getty Images

Die afghanische Tragödie und das Zeitalter des Unfriedens

BERLIN – Die Bilder verzweifelter Afghanen, die auf der Flucht vor den Taliban über den Zaun des Flughafens in Kabul klettern, sind ein schockierender Beleg unserer geopolitischen Gegenwart. Die Brutalität, mit der die Verbündeten des Westens in Afghanistan ihrem Schicksal überlassen werden, zeigt wie unter dem Brennglas, wie entschlossen die US-Regierung unter Präsident Joe Biden alte internationale Verpflichtungen abschüttelt und ihre neue Strategie verfolgt.

Am übereilten Rückzug der USA aus Afghanistan gibt es viel zu kritisieren, nicht zuletzt die Vernachlässigung der Rechte afghanischer Frauen und Mädchen, das Versagen der Nachrichtendienste und mangelhafte Planung. Einem großen Teil dieser Kritik liegt jedoch eine unerschütterliche Nostalgie, ja sogar Trauer, über das Ende einer Ära zugrunde. Die Intervention in Afghanistan unter Führung der USA, die vor 20 Jahren begonnen hatte, war das letzte Überbleibsel einer anderen Welt, die von der Suche nach einer liberalen internationalen Ordnung und der ausdrücklichen Mission geprägt war, auch entlegenen Regionen der Welt Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu bringen. Viele im Westen, die Bidens Politik angreifen, stören sich in Wirklichkeit an der Rückkehr des brutalen geopolitischen Wettstreits.

Um Bidens Entscheidung zu verstehen, müssen wir das Wesen dieser neuen Zeit begreifen. Dieselben Kräfte der Globalisierung, die uns zu Beginn der westlichen Mission einander nähergebracht haben, treiben uns nun auseinander. Weltweite Lieferketten, Massenmigration und blitzschnelle Informationsflüsse wurden von einer sprunghaft steigenden Ungleichheit begleitet, die eine Epidemie des Neids auslöst, in der sich jeder, egal wo er lebt, mit den Privilegierten dieser Welt vergleicht. Dieser Kräfte waren Geburtshelfer einer Politik, die sich um das Gefühl der Benachteiligung, Identität und eine Gegenreaktion gegen den Internationalismus dreht und vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump und dessen zahlreichen Nachahmern in aller Welt verkörpert wird.

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