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Der neue Braindrain in den Naturwissenschaften

DUBAI – Im Dezember 2013 äußerte der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Physiker Peter Higgs gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian, er würde, wenn er heute eine Stelle an der Universität suchte, „vermutlich als nicht produktiv genug eingeschätzt werden“. Higgs, der seit seiner bahnbrechenden Arbeit im Jahr 1964 nicht einmal zehn Fachaufsätze geschrieben hat, ist überzeugt, dass keine Universität ihn heute einstellen würde.

Wissenschaftler sind mit der Vorstellung des „Publiziere oder stirb“ nur allzu vertraut. Sie müssen immer mehr in unabhängig begutachteten Fachzeitschriften publizieren, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, ihre Arbeitsplatz zu schützen und die Finanzierung ihrer Institute sicherzustellen. Was aber geschieht – in den Naturwissenschaften oder anderen Fächern – mit Wissenschaftlern etwa im Nahen Osten, die andere Forschungsschwerpunkte verfolgen als die für eine universitäre bzw. wissenschaftliche Karriere möglicherweise entscheidenden Fachzeitschriften, und die zudem kaum Verbindungen zu derartigen Fachzeitschriften unterhalten?

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Wissenschaftler und wissenschaftliche Einrichtungen mit hohen Veröffentlichungsquoten in etablierten Fachzeitschriften werden als produktiver eingestuft. Sie profitieren hiervon durch verbesserte Karrierechancen und eine bessere Finanzausstattung ihrer Forschungen. Ob die von ihnen veröffentlichten Arbeiten messbaren Einfluss auf ihr Forschungsgebiet haben, ist dabei leider allzu oft zweitrangig. Die Anreize, die sich ihnen bieten, bedeuten, dass Quantität häufig wichtiger ist als Qualität.

Wissenschaftliche Fachzeitschriften bestimmen die Ranglisten, in denen wissenschaftliche Einrichtungen nach oben gelangen müssen, was dazu führt, dass diese Institute nur solche Wissenschaftler einstellen und weiterbeschäftigen, die in hohem Tempo Forschungsarbeiten produzieren können. Dies hat zu einem tiefer greifenden, zweifachen Problem geführt: Wissenschaftliche Fachzeitschriften haben inzwischen überproportionalen Einfluss und legen einen besonderen Schwerpunkt auf empirische Forschung.

Was das erste Problem angeht, so ersetzen die Fachzeitschriften die wissenschaftlichen Institute allmählich als Qualitätsentscheider innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaften. In praktisch allen Disziplinen müssen Wissenschaftler, die Positionen in „erstklassigen“ Instituten anstreben, in einigen wenigen ausgewählten erstrangigen Fachzeitschriften publizieren, die als Türöffner betrachtet werden.

Die Redaktionen dieser Zeitschriften räumen zunehmend positivistischen theoretischen Arbeiten Vorrang ein, d. h. Forschungsarbeiten, die auf der Analyse empirischer Daten beruhen. Qualitative Forschung – wie etwa Ethnografien, partizipatorische Untersuchungen und Fallstudien – wird häufig als nur für zweit- und drittrangige Zeitschriften geeignet eingestuft.

Wissenschaftler, die empirische Forschungen betreiben, haben einen großen Vorteil gegenüber denen, die qualitativ arbeiten, denn sie können effiziente Software und leistungsstarke Computer einsetzen, um ihre Hypothesen schnell zu prüfen und unterschiedliche Variablen in den Datensätzen zu berücksichtigen. Diese Art von Arbeit ist zudem häufig billiger, weil anhand eines einzigen Datensatzes gleich mehrere Zeitschriftenartikel produziert werden können.

Nun ist es nicht verkehrt, wenn sich die wissenschaftliche Praxis im Einklang mit der Technologie weiterentwickelt oder wenn Wissenschaftler ergiebigere Datensätze und bessere Software nutzen. Doch die Übernahme dieses quantitativen Ansatzes sollte nicht das allein ausschlaggebende Kriterium zur Beurteilung wissenschaftlicher Leistung und zur Bestimmung von Karriereverläufen sein. Schließlich wird Wissen auf unterschiedliche Weise erworben, und empirischer Positivismus ist nur eine Methode in einem größeren epistemologischen Instrumentarium.

Der heutige positivistische Trend in den Naturwissenschaften ist besonders für die Entwicklungsländer, wo Datensätze selten und häufig von schlechter Qualität sind, ein Problem. In diesen Ländern tätige Wissenschaftler stehen daher vor einem Dilemma: Entweder arbeiten sie an den Problemen der reichen Welt, für die reichlich Daten zur Verfügung stehen, oder sie riskieren ihre Karriere, indem sie qualitative Arbeiten verfolgen, die es nicht in die erstrangigen Zeitschriften schaffen.

Wissenschaftler, die aus datenreichen Ländern in Europa und Nordamerika in datenärmere Länder im Nahen Osten und anderswo umziehen, haben häufig mit diesem Problem zu tun. Wie die Forscher an meinem Institut in Abu Dhabi wissen, ist dort die Durchführung von Untersuchungen für die qualitative Forschung möglich, doch die Erstellung ergiebiger Datensätze aus dem Nichts für theoriebildende Forschungen ist äußerst schwierig.

Auf der Internationalen Konferenz zu naturwissenschaftlichen und technologischen Indikatoren in diesem Jahr schilderte ein französischer Wissenschaftler, der in Afrika Bodenforschung betreibt, dass nur 5% der veröffentlichten Arbeiten in seinem Fachgebiet von afrikanischen Forschern stammen. Als er jedoch seine eigenen Arbeiten genauer analysierte, stellte er fest, dass 50% dessen, was er über afrikanische Böden gelernt hatte, von afrikanischen Forschern kam, die ihre Arbeiten nicht in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht hatten bzw. dort nicht unterbringen konnten.

Länder, in denen Englisch nicht die lingua franca ist, sind in den Naturwissenschaften besonders benachteiligt, und zwar nicht, weil dort keine gute wissenschaftliche Arbeit geleistet wird, sondern weil die englischsprachigen Fachzeitschriften maßgeblich sind. Wissenschaftliche Fachzeitschriften in andern Sprachen genießen schlicht und einfach nicht dieselbe Aufmerksamkeit innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Infolgedessen ist in vielen Ländern die Bandbreite der Forschungsthemen, denen Forscher sich widmen können, begrenzt, und sie tun sich schwer, wissenschaftliche Talente zu halten. Dies gilt besonders für den Nahen Osten, wo sich die Regierungen abmühen, ihre Volkswirtschaften zu diversifizieren, um sie weniger schwankungsanfällig zu machen. Da die englischsprachigen, empirisch orientierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften ihre Kontrolle über die Kanäle, die über den Erfolg wissenschaftlicher Karrieren entscheiden, immer weiter festigen, müssen die Entwicklungsländer hohe Investitionen in ihre eigenen Dateninfrastrukturen tätigen, um ihre heimischen Forscher konkurrenzfähiger zu machen.

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Doch selbst – oder gerade – wenn Entwicklungsländer derartige Investitionen tätigen, wird der Wissenschaft viel verloren gehen. Es muss angesichts der globalen Herrschaft der (überwiegend) US-gestützten wissenschaftlichen Fachzeitschriften über die Naturwissenschaften niemand mehr physisch umziehen, um Teil eines neuen Braindrain zu werden, bei dem Forschungsprioritäten, Probleme und Methoden der Wissenschaftler sich auf Kosten sämtlicher Alternativen immer stärker an der dominanten positivistischen Epistemologie orientieren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan