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Ausweg aus dem tibetischen Sumpf

NEW YORK: China hat den 50. Jahrestag des gescheiterten Aufstands der Tibeter gegen die chinesische Herrschaft ohne größere Proteste überstanden. Doch um die Tibeter von der Straße fernzuhalten, musste die chinesische Regierung überall im tibetischen Hochland Truppen stationieren und zum Zwecke der „Gesetzesschulung“ heimlich hunderte von Menschen in Geheimgefängnissen internieren. Diese Schritte legen nahe, dass sich Tibet für die chinesischen Herrscher von einer Sicherheitsfrage von zunehmender Bedeutung entwickelt hat – und zwar einer, von der sie bisher nicht wissen, wie sie sie lösen sollen, ohne ihren Ruf in Tibet selbst und weltweit zu schädigen.

Vor einem Jahr wetteiferten chinesische und westliche Intellektuelle darum, das Interesse der Öffentlichkeit an Tibet als quasi-kindliche Verwechslung mit dem imaginären Land des 1937 erschienenen Spielfilms In den Fesseln von Shangri-la abzutun. Doch nach mehr als 150 Protesten in Tibet gegen die chinesische Herrschaft in den letzten zwölf Monaten scheint die Besorgnis in Bezug auf das Gebiet alles andere als wirklichkeitsfremd. Tatsächlich könnte Tibet als Faktor für die regionale Stabilität und bedeutendes Problem im Bereich der internationalen Beziehungen bald die Stelle Taiwans einnehmen. Die von Tibetern bevölkerten Gebiete decken ein Viertel Chinas ab; einen derart großen Teil des Territoriums des Landes unter militärischer Kontrolle zu halten und von der Außenwelt abzuschirmen, schwächt den Anspruch der Kommunistischen Partei auf Legitimität und Weltmachtstatus.

Die Proteste des letzten Jahres waren die größten und ausgedehntesten in Tibet seit Jahrzehnten. Sie umfassten Nomaden, Bauern und auch Studenten, die China wegen seiner Modernisierung der tibetischen Volkswirtschaft theoretisch am dankbarsten gegenüberstehen sollten. Viele trugen die verbotene tibetische Nationalflagge, was nahe legt, dass sie das Tibet der Vergangenheit als eigenständiges Land betrachten. Und bei etwa 20 Vorfällen wurden staatliche Behörden niedergebrannt; in einem Fall gab es sogar Angriffe auf chinesische Zuwanderer, bei denen 18 Menschen ums Leben kamen. Es ist schwer, diese Ereignisse nicht als Herausforderung der chinesischen Herrschaft zu interpretieren.

Die Reaktion der Regierung bestand darin, Aufwiegler von außen für das Problem verantwortlich zu machen. Sie entsandte mehr Truppen, verschleierte die Einzelheiten darüber, wie Protestierende zu Tode kamen, verurteilte einen AIDS-Aufklärer, der illegale CDs aus Indien kopiert hatte, zu lebenslanger Haft, und untersagte über Monate hinweg Ausländern und Journalisten den Zugang zum tibetischen Hochland. Im November verspotteten chinesische Regierungsvertreter die Verhandlungsvorschläge tibetischer Exilanten live im staatlichen Fernsehen. Sie sagten wegen eines Treffens des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit dem Dalai Lama einen Europagipfel ab und suggerieren regelmäßig, dass die Tibeter Terroristen seien.