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Eine Dreyfus Affäre in Russland

Kein geheimgehaltenes Dossier mußte herhalten, um einen Schuldspruch sicher zu stellen. Das Gericht tagte öffentlich und nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und doch gibt es in dem Prozess in der Stadt Rostow am Don gegen Oberst Yuri Budanow wegen Kindsentführung, Vergewaltigung und Mord an einem 18 Jahre alten Mädchen namens Elsa Kungaeva aus Tschetschenien, Anklänge an die berühmte Dreyfus Affäre, die Frankreich vor einem Jahrhundert gespalten hatte.

Damals leckte sich die französische Armee ihre Wunden nach ihrer Niederlage bei Sedan und infolge der Gründung des deutschen Kaiserreiches durch Bismarck. In den Worten einer der Figuren des Romans, den der französische Schriftsteller Anatole France damals geschrieben hatte, war die Wertschätzung der Armee ,,alles, was uns von unserer ruhmreichen Vergangenheit geblieben ist. Sie tröstet uns heute und gibt uns Hoffnung für die Zukunft". Ein übertriebenes Empfinden von Ehrverlust ließ die Französische Armee die Beweise fälschen, auf Grund derer Kapitän Alfred Dreyfus der Spionage für den Kaiser überführte wurde.

Die heutige russische Armee ist nicht das Bollwerk einer reaktionären Autokratie und des Antisemitismus, die beide das Verhalten der französischen Offiziere in der Dreyfus Affäre geprägt hatten. Doch die bitteren Gefühle der Armee über das Ende des Großmachtstatus Russlands, den der erniedrigende Verlust des Militärs an Ausstattung und Prestige noch verstärkt, liegen nicht weniger offen zu Tage. Der übertriebene, gequälte und verletzte Stolz der Armee scheint sich sowohl in ihrer Reaktion auf den Budanow Prozess als auch in der des Kremls unter Präsidenten Vladimir Putin auszudrücken.

Für Russlands Offizierscorps sind alle Gegner an sich schon Feinde der Armee und, in weiterer Sicht, auch Russlands. Im Gegensatz zu ihren Leidensgenossen im Frankreich des 19. Jahrhunderts ist das russische Offizierscorps allerdings trotz der jahrzehntelangen Diktatur im wesentlichen unpolitisch.