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Eine schöne Bescherung in Nizza

LONDON: Vor hundert Jahren hat das englische Magazin Punch eine Karikatur veröffentlicht, die einen jungen und nervösen Hilfsgeistlichen darstellte, der zusammen mit seinem Bischof frühstückt. Er ist ein gekochtes Ei und hat an diesem offensichtlich keinen Genuss. Der Bischof erkundigt sich: „Sagen Sie mal, ist Ihr Ei in Ordnung?“ Und der Hilfsgeistliche antwortete: „Mein Herr, es ist teilweise vorzüglich.“

Die Karikatur hat eine englische Eigenart eingefangen und eine Redewendung geschaffen, die heute noch gebräuchlich ist, obwohl sie für gewöhnlich missverstanden und falsch gebraucht wird. Man kann sagen: „Das gleicht dem Ei eines Hilfsgeistlichen“, wenn man ausdrücken will, dass etwas eine Mischung aus Gutem und Schlechtem ist. Doch natürlich bestand die Pointe des ursprünglichen Witzes darin, dass der Hilfsgeistliche nur versucht hat, höflich zu sein: Ein Ei ist entweder gut oder schlecht – und seines war schlecht.

Der Europa-Gipfel, der diese Woche in Nizza stattfindet (7.-9. Dezember), scheint ein solches Ei eines Hilfsgeistlichen zu sein. Die Frage ist: Wird der Gipfel durch und durch schlecht sein und scheitern? Oder wird er „teilweise vorzüglich“ ausfallen? Die wahrscheinliche Antwort darauf lautet: beides. Hinsichtlich seiner unmittelbaren Ziele wird der Gipfel mit fast mit Sicherheit scheitern; doch unter Umständen öffnet er die Tür zu einem ernsthaften Fortschritt im Nachhinein.

Der scheinbare Zweck des Gipfels ist es, die Änderungen im Räderwerk zur Entscheidungsfindung der Europäischen Union durchzuführen, die es ihr ermöglichen, mit der Aufnahme von wenigstens zwölf neuen Mitgliedern hauptsächlich aus Zentral- und Osteuropa fertig zu werden. Jeder weiß, dass diese Änderungen radikal, sogar semi-föderal sein müssen. Wenn die EU nicht durch die 27 Mitgliedsstaaten mit ihren 27 nationalen Stimmen gelähmt werden will, ist für die künftige Erweiterung viel mehr als ein umfangreicheres Mehrheits-Wahlrecht in dem Ministerrat erforderlich.