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Langer Marsch mit China

PEKING – Der Besuch des US-Vizepräsidenten Joe Biden in China endete optimistisch. Er versicherte den chinesischen Spitzenpolitikern, dass die USA ihre Schulden ernst nehmen würden, trotz der jüngsten Herabstufung des Ratings; er sprach begeistert über die gegenseitige Abhängigkeit beider Länder und präsentierte seine Enkelin, die seit mehreren Jahren Chinesisch lernt, als zukünftige Brücke zwischen den Ländern.

Aber hinter all dem Lächeln und den Trinksprüchen stehen zwischen den beiden Großmächten der Welt noch immer ernsthafte Probleme und Wahrnehmungslücken. 

Da wäre zunächst einmal ein Einstellungsproblem. Für diejenigen, die Chinas Aufstieg in einem negativen Licht sehen, wird das Land einfach immer arroganter. Es zeigt Härte in seinen territorialen Streitigkeiten mit Japan im Ostchinesischen Meer; es tritt seinen Nachbarn gegenüber Besitz ergreifend im Südchinesischen Meer auf, auch hinsichtlich umstrittener Inseln; es stellte während des Besuchs des US-Verteidigungsministers seinen eigenen Tarnkappenjäger vor; es schickt erste Flugzeugträger zu Versuchszwecken auf die See und gibt damit zu verstehen, dass die Einrichtung von Militärstützpunkten im indischen Ozean im Bereich des Möglichen liegt. Sogar eine Auseinandersetzung zwischen den Chinesen und einer amerikanischen Basketball-Mannschaft, die zu Besuch war, gilt als Beweis für Chinas aggressives Verhalten.

Andererseits sind viele Chinesen der Meinung, dass die USA schwer an dem Syndrom ‚eitle Supermacht‘ leiden. Aus Sicht der Chinesen haben die USA eine eher nicht funktionierende Regierung, bestehen aber trotzdem darauf, dass ihr politisches und wirtschaftliches System das beste in der Welt sei und dass alle es übernehmen sollten. Sie sind hoch verschuldet, können aber das Ausgeben und Leihen nicht lassen. Die USA haben keine wettbewerbsfähige Fertigungsindustrie mehr, geben aber anderen die Schuld für ihr enormes Handelsbilanzdefizit. Und für die Chinesen sitzt der einzigen militärischen Supermacht der Welt der Finger ein wenig zu locker am Abzug, wenn es um die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder geht.