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Ein Tag der Klimagerechtigkeit

PRINCETON – Was wir aufgrund unserer achtlosen Produktion von Treibhausgasen unserem Planeten, unseren Kindern und Enkelkindern sowie den Armen antun, ist eine der großen moralischen Verfehlungen unserer Zeit. Am 24. Oktober besteht die Möglichkeit, gegen diese Ungerechtigkeit aufzustehen.  

Der 24. Oktober ist 350-Klima-Aktionstag. Die Zahl bezieht sich auf jene 350 parts per million (ppm) Kohlendioxid in der Atmosphäre, die wir laut Jim Hansen, dem vielleicht bedeutendsten Klimaforscher unserer Tage, nicht überschreiten sollten, wenn wir einen potenziell katastrophalen Klimawandel abwenden wollen. Es handelt sich dabei um das Maß für die Ernsthaftigkeit unseres Problems: der Kohlendioxidwert beträgt nämlich bereits 386 ppm und steigt jährlich um weitere zwei ppm an.

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Die Notwendigkeit einer Eindämmung von Treibhausgasen wurde zunehmend klar, als die Prognosen für die globale Erwärmung  - vor ein paar Jahren noch als „alarmistisch“ bezeichnet – sich wiederholt als zu konservativ erwiesen. Wir nähern uns dem Punkt, von dem aus es kein Zurück mehr gibt und an dem Rückkopplungseffekte eintreten, die, ungeachtet unserer Maßnahmen, eine weitere Erwärmung des Planeten bewirken.

Ein Beispiel dafür ist die Schmelze des arktischen Eises. Vor vierhundert Jahren begaben sich Forschungsreisende auf die Suche nach der legendären „Nordostpassage“ entlang der Nordküsten Europas und Russlands nach China. Das arktische Eis war jedoch undurchdringlich und so gab man die Suche auf. Heuer konnten Handelsschiffe die Nordostpassage ohne Probleme befahren.

Das ist eines der vielen dramatischen Anzeichen, dass sich unser Klima ändert und unser Planet wärmer ist, als dies lange Zeit der Fall war. Allerdings sind eisfreie arktische Gewässer mehr als ein Symptom der globalen Erwärmung. Sie sind selbst eine Ursache für weitere Erwärmung, denn Eis und Schnee reflektieren Sonnenstrahlen.

Eine eisfreie Oberfläche nimmt mehr Wärme von der Sonne auf als eine schnee- oder eisbedeckte Fläche. Mit anderen Worten:  Mit unseren Treibhausgasemissionen sorgten wir für eine Erwärmung, die das arktische Eis schmelzen ließ. Damit wurde ein Rückkopplungseffekt erzeugt, der zu weiterer Erwärmung führt und noch mehr Eis zum Schmelzen bringt, selbst wenn wir morgen alle Treibhausgasemissionen einstellen.

Andere Rückkopplungseffekte stellen eine ähnliche Gefahr dar. In Sibirien sind enorme Mengen des extrem starken Treibhausgases Methan in den bisher als „Permafrost“ bezeichneten Bodenschichten eingeschlossen  – in Regionen also, von denen man annahm, dass der Boden ständig gefroren war. Aber diese dauergefrorenen Bereiche tauen nun auf und dadurch wird Methan freigesetzt. Dies trägt zu einer weiteren Erwärmung bei, die wiederum weiteres Tauen bewirkt, wodurch noch mehr Methan in die Atmosphäre gelangt.  

Die Entwicklungsländer verstehen nun, wie empörend die aktuelle Verteilung der Treibhausgasemissionen wirklich ist. Auf dem UN-Klimagipfel im September wies der ruandesische Präsident Paul Kagame darauf hin, dass Afrika – der Kontinent mit den wenigsten Ressourcen zur Bewältigung des Problems - wahrscheinlich die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu tragen habe, obwohl eigentlich die entwickelten Nationen außerhalb Afrikas dafür verantwortlich sind.

Kagame schlug vor, jedem Land eine jährliche Pro-Kopf-Quote für CO2-Emissionen zu gewähren und den unter ihren Quoten liegenden Entwicklungsländern, die Möglichkeit zu geben, ihre überschüssigen Quoten jenen Ländern zu verkaufen, die darüber liegen. Das Geld, dass die Entwicklungsländer dafür erzielen, wäre keine Entwicklungshilfe, sondern eine Anerkennung der Tatsache, dass die reichen Nationen für etwas zahlen müssen, worüber sie in der Vergangenheit einfach verfügten: nämlich weit mehr als ihren gerechten Anteil an der Fähigkeit der Atmosphäre unsere Abgase aufzunehmen.

Sri Lanka nahm eine ähnliche Haltung ein. Unter Verwendung von Studien des UN-Klimaausschusses wurde berechnet, dass die ökologisch verträglichen CO2-Emissionen insgesamt nicht mehr als 2.172 Kilogramm pro Person ausmachen dürften.  Tatsächlich allerdings lag dieser Wert bei 4.700 Kilogramm pro Kopf oder, anders gesagt, über mehr als dem Doppelten des noch verträglichen Grenzwertes.

Während allerdings die Emissionen in den reichen Ländern diese Grenze weit überschritten, lagen die Emissionen in Sri Lanka mit 660 Kilogramm pro Person weit darunter. Dazu hielt die Regierung Sri Lankas fest: „Das heißt, dass Länder mit geringen Emissionen wie wir nicht mehr Treibhausgase ausstoßen können, weil Industrienationen oder Länder mit massiven CO2-Emissionen ohne unsere Zustimmung unseren Anteil bereits beanspruchen.“

Diese Situation ist eine immense Ungerechtigkeit, die an den heute geächteten Kolonialismus der westlichen Mächte im 19. Jahrhundert erinnert – und wohl noch weit schlimmer ist. Die Aufgabe einer diesbezüglichen Korrektur muss bei der im Dezember stattfindenden Klimakonferenz in Kopenhagen in Angriff genommen werden.

Viele politische Führer haben ihre Unterstützung für ein entschlossenes Vorgehen gegen den Klimawandel erklärt, aber was die meisten als „entschlossenes Vorgehen“ betrachten, wird nicht reichen, uns unter die Marke von 350 ppm zu bringen. In manchen Ländern, einschließlich der USA, gilt es erhebliche politische Hürden zu überwinden, um selbst bescheidene Schritte in die Wege zu leiten.

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Am 24. Oktober werden Menschen in fast allen Ländern zur Tat schreiten, um das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines internationalen Vertrages zu schärfen, in dem festgelegt wird, den CO2-Gehalt unserer Atmosphäre wieder unter 350 ppm zu bringen. Bergsteiger werden im Himalaya, wo die Gletscher schmelzen, ebenso Transparente anbringen wie Taucher im australischen Great Barrier Reef, das ebenfalls durch den Klimawandel bedroht ist.

Kirchenglocken werden 350 Mal läuten, 350 Radfahrer werden Städte umrunden und an vielen Orten werden 350 Bäume gepflanzt.  Unter   www.350.org können Sie sich über Aktionen in Ihrer Nähe informieren und daran teilnehmen oder eine eigene Idee ins Netz stellen. Aber lehnen Sie sich nicht einfach zurück und hoffen, dass andere genug tun, um etwas zu bewirken. Eines Tages könnten Ihre Enkelkinder Sie nämlich fragen: Was hast du eigentlich getan, um der größten moralischen Herausforderung deiner Zeit entgegenzutreten?