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Eine Krise in zwei Geschichten

CHICAGO – Die industrialisierten Demokratien der Welt befinden sich in der Krise, und zur Erklärung ihrer Ursache – und angemessener Gegenmaßnahmen – sind zwei unterschiedliche Geschichten im Umlauf. Die erste und besser bekannte Diagnose ist, dass aufgrund hoher Schulden vor der Krise die Nachfrage eingebrochen ist. Die Haushalte (und Staaten), die am meisten ausgegeben haben, können sich nichts mehr leihen. Um das Wachstum wiederzubeleben, müssen andere ermutigt werden, Geld auszugeben – Regierungen, die noch immer kreditwürdig sind, sollen ihre Defizite vergrößern, und niedrige Zinssätze sollen Haushalte vom Sparen abhalten.

Unter diesen Umständen ist Sorglosigkeit in Haushaltsfragen eine Tugend, zumindest kurzfristig. Sobald mittelfristig das Wachstum wieder einsetzt, können die Schulden zurückgezahlt und der Finanzsektor gezügelt werden, damit er die Welt nicht mit einer weiteren Krise überzieht.

Diese Geschichte – die auf die Schuldenkrise angepasste keynesianische Standarderklärung – ist diejenige, der sich die meisten Politiker, Notenbanker und Wall-Street-Ökonomen verschrieben haben, und sie muss nicht weiter ausgeführt werden. Sie hat den Vorteil, dass sie Politikern klare Handlungsvorgaben gibt und Ergebnisse verspricht, die an den politischen Zyklus angepasst sind. Leider ist das Wachstum trotz bereits durchgeführter Anreize immer noch schwach, und es wird immer schwieriger, vernünftige und kurzfristig lohnenswerte neue Ausgabemöglichkeiten zu finden.

Die Aufmerksamkeit wechselt daher hin zur zweiten Geschichte, die davon handelt, dass die grundlegende Fähigkeit von Industrieländern, durch die Produktion nützlicher Dinge zu wachsen, schon seit Jahrzehnten zurückgeht – ein Trend, der durch schuldengetriebene Ausgaben lediglich verschleiert wurde. Diese Länder zu nachhaltigem Wachstum zurückzuführen, kann nicht durch weitere solche Ausgaben erreicht werden. Statt dessen müssen sich die Rahmenbedingungen für Wachstum verbessern.