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Die Chemie unserer Moral

OXFORD – In der Novelle A Clockwork Orange von Anthony Burgess(und in der Verfilmung von Stanley Kubrick) wird Alex, ein reueloser Psychopath, mithilfe einer Vorrichtung daran gehindert seine Augen zu schließen und gezwungen sich gewalttätige Filme anzusehen. Wie ein Pawlowscher Hund wird Alex konditioniert, mit Übelkeit auf Gewalt und Sex zu reagieren. Diese Szene bleibt zwar schockierend, ist aber, wie so oft im Genre Science-Fiction, gealtert. Die behavioristische Psychologie, auf die sie sich stützt, ist längst nicht mehr aktuell und die Befürchtung, dass Wissenschaft eingesetzt wird, um die Gesellschaft, vielleicht sogar zwangsweise, moralisch zu bessern, wirkt heutzutage nicht mehr zeitgemäß.

Science-Fiction altert zwar schnell, wirkt aber noch lange nach. Während der letzten zehn Jahre war ein Heer von Psychologen, Neurowissenschaftlern und Evolutionsbiologen mit dem Versuch beschäftigt, das neuronale „Uhrwerk“ zu enthüllen, das der menschlichen Moral zugrundeliegt. Die Forscher haben angefangen, die evolutionären Ursprünge pro-sozialer Empfindungen wie etwa Empathie aufzuspüren und begonnen, die Gene zu ermitteln, die einige Individuen zu sinnloser Gewalt und andere zu altruistischem Handeln veranlassen. Auch die Bahnen in unserem Gehirn, die unsere ethischen Entscheidungen prägen, waren Gegenstand der Forschung. Beginnt man zu verstehen, wie etwas funktioniert, zeichnen sich auch Möglichkeiten ab, wie man es verändern und sogar kontrollieren kann.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Tatsächlich haben Wissenschaftler nicht nur einige der Bahnen im Gehirn identifiziert, die unsere ethischen Entscheidungen prägen, sondern auch chemische Substanzen, die diese neuronalen Aktivitäten regulieren. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass das Antidepressivum Citalopram die Reaktionen von Personen ändern kann, die sich in einem hypothetischen moralischen Dilemma befinden. Probanden, die das Medikament erhalten hatten, haben eine geringere Bereitschaft gezeigt, das Leben eines Einzelnen zu opfern, um das Leben mehrerer anderer zu retten. Eine andere Untersuchungsreihe hat gezeigt, dass das Hormon Oxytocin, wenn es per Nasenspray verabreicht wird, das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft innerhalb sozialer Gruppen fördert, aber auch die Kooperation mit jenen reduziert, die als Außenstehende wahrgenommen werden. Neurowissenschaftler haben sogar sorgältig ausgewählte Hirnareale von Probanden magnetisch „aufgeladen“ und ihre moralischen Urteile auf überraschende Art und Weise beeinflusst – und ihnen beispielsweise das Lügen erleichtert.

Natürlich ist niemand dabei eine „Moralpille“ zu entwickeln, die uns in Heilige verwandeln wird. Die Forschung macht jedoch schnelle Fortschritte und wird aller Voraussicht nach neue Wege aufzeigen, unsere moralischen Intuitionen, Empfindungen und Motivationen umzuformen.

Sollen wir unser wachsendes wissenschaftliches Verständnis der Grundlage menschlicher Moral nutzen, um zu versuchen, Menschen moralisch positiv zu beeinflussen?

A Clockwork Orange wurde Gewaltverherrlichung vorgeworfen und einige der Szenen kann man sich auch heute noch kaum anschauen. Doch wie Burgess selbst geltend machte, hat die Novelle eine fast christliche Botschaft: Was uns zum Menschen macht, ist unsere Freiheit zwischen Gut und Böse zu wählen, und es ist für die Gesellschaft genauso schlimm, oder vielleicht sogar noch schlimmer, Individuen zu unterwürfiger Konformität zu zwingen wie der Sadismus von Psychopathen wie Alex.

Ich vermute, dass viele diese Ansicht teilen werden. Sie werden zustimmen, dass unsere Fähigkeit zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können etwas Kostbares ist, das es zu schützen gilt, und keine kaputte Uhr, die Wissenschaftler reparieren sollten.

Die meisten von uns müssen natürlich nicht konditioniert werden, um mit Abscheu auf Vergewaltigung oder Folter zu reagieren. Das heißt aber nicht, dass wir moralisch gut oder gut genug wären. Während Sie das hier lesen, fügen gewöhnliche Menschen irgendwo auf der Welt anderen unaussprechliche Dinge zu. Auch in den modernsten und wohlhabendsten Gesellschaften ist eine gewaltige gezielte Anstrengung erforderlich, um auch nur minimalen Anstand zu wahren: Man denke an Schlösser, Alarmanlagen, Polizei, Gerichte und Gefängnisse. Und es ist fraglich, ob wir uns wirklich genug aus anderen machen oder den weniger Begünstigten genug abgeben.

Menschen werden mit der Fähigkeit zur Moral geboren, aber diese Fähigkeit ist begrenzt und schlecht dafür gerüstet, mit den ethischen Komplexitäten der modernen Welt fertig zu werden. Jahrtausendelang hat der Mensch auf Bildung, Überzeugung, soziale Institutionen und die Androhung realer (oder übernatürlicher) Bestrafung gesetzt, um für anständiges Verhalten zu sorgen. Wir alle könnten moralisch besser sein, aber es ist klar, dass wir mit diesem traditionellen Ansatz nicht viel weiterkommen werden. Schließlich würden die Menschen nicht plötzlich anfangen sich besser zu benehmen, wenn wir ihnen einfach mehr Fakten und Statistiken oder bessere Argumente liefern.

Wir sollten den Vorschlag, dass die Wissenschaft helfen könnte, also nicht zu schnell abtun – zunächst einmal indem sie uns hilft, effektivere Institutionen, eine inspirierendere moralische Erziehung oder überzeugendere ethische Argumente zu entwickeln. Die Wissenschaft könnte aber auch direktere Wege aufzeigen, unser Gehirn zu beeinflussen.

Manchmal schränkt Science-Fiction unseren Sinn für das, was möglich ist, eher ein, als dass sie ihn erweitern würde. Der Versuch Moral durch brutalen Zwang zu fördern, würde das Gegenteil des Gewünschten oder Schlimmeres bewirken. Regierungen dürfen nicht die Macht erhalten, den Moralkodex ihrer Bürger zu kontrollieren – wir wissen, dass sie diese Macht missbrauchen würden, wenn sie sie hätten.

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Ideal wäre es, wenn Individuen verschiedene Möglichkeiten der persönlichen Verbesserung frei erkunden könnten, sei es, indem sie sich in Achtsamkeit üben, durch moralphilosophische Lektüre oder, ja, indem sie eine „Moralpille“ einnehmen. Obwohl manche Leute darauf brennen Pillen zu nehmen, durch die sie sich besser fühlen oder schneller denken, ist es nicht so klar, dass die Leute wirklich Tabletten einnehmen wollten, die sie moralisch positiv beeinflussen. Es ist nicht klar, dass Menschen wirklich moralisch besser sein wollen. Und diejenigen, die am meisten Hilfe benötigen, wie der Psychopath Alex, sind wahrscheinlich diejenigen, die sie am wenigsten wollen.

Diese Überlegungen sind natürlich hypothetischer Natur. Wir wissen noch nicht, was möglich sein wird. Dennoch sollten wir die ethische Diskussion lieber zu früh als zu spät einläuten. Und auch wenn „Moralpillen“ nur Science-Fiction sind, werfen sie tiefsinnige Fragen auf. Werden wir sie nehmen wollen, wenn es sie jemals geben wird? Und was sagt es über uns aus, wenn wir das nicht wollen?