0

2011: Meine persönliche Odyssee im Weltraum

MOSKAU – Die meisten Menschen, die mich kennen, halten mich für eine Expertin auf dem Gebiet der Informationstechnologie, die wahrscheinlich in Kalifornien lebt und in angesagte Internet-Start-ups investiert. Tatsächlich habe ich meinen Hauptwohnsitz in New York und demnächst werde ich für fünf Monate nach Russland gehen, um mich in der Sternenstadt, in der Nähe von Moskau, zur Kosmonautin ausbilden zu lassen. 

Verschiedene Wege führten mich dorthin. Als Kind dachte ich, dass ich ohne große Anstrengungen meinerseits eines Tages zum Mond fliegen würde. Es war für mich klar, dass Reisen ins All eine Selbstverständlichkeit sein würden, wenn ich einmal so um die 40 bin. Mein Vater arbeitete am Raumfahrtprogramm der USA mit und daheim hatten wir ein paar Steine vom Mond. Deshalb dachte ich, dass so eine Reise ins All keine große Sache sein kann.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Anschließend war ich ungefähr 40 Jahre lang anderweitig beschäftigt. Vor ein paar Jahren allerdings rückte die Raumfahrt wieder in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Vielen Bekannte aus dem IT-Bereich erging es gleich: Elon Musk, Mitbegründer von PayPal, gründete die Firma Space-X; Jeff Bezos von Amazon etablierte ein Raumfahrtunternehmen namens Blue Origin; Jeff Greason, hochrangiger Manager bei Intel, gründete XCOR Aerospace (an dem ich beteiligt bin). Und im Jahr 2005, als ich meine Konferenz „PC Forum“ für IT-Unternehmer zum letzten Mal abhielt, initiierte ich eine andere Konferenz namens „Flight School“ für Unternehmer aus den Bereichen Raumfahrt und private Luftfahrt.

Im selben Jahr war ich mit einem kleinen Team in Südafrika, um Präsident Thabo Mbeki und seine Regierung in Fragen der IT-Politik zu beraten. Ein Mitglied dieses Teams war Mark Shuttleworth, Gründer von Thawte (das später an VeriSign verkauft wurde), der erst kurz davor von einer Reise ins All zurückgekehrt war, an der er als zweiter „Weltraumtourist“ teilgenommen hatte.

Eines Abends saßen wir bei Sonnenuntergang um ein Lagerfeuer, als 50 südafrikanische Schulkinder in Bussen ankamen. Zusammen mit Präsident Mbeki bestand die Gruppe aus etwa 100 Personen, die sich um das lodernde Feuer versammelt hatten. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde eine Leinwand aufgestellt und Mark zeigte uns Videos aus dem Weltraum. Er erzählte uns faszinierende Geschichten von seinen Abenteuern und untermalte dies mit Bildern, wo zu sehen war, wie er in der Schwerelosigkeit schwebte und versuchte Tropfen mit seinem Mund zu fangen, und so weiter. Die Kinder hatten riesigen Spaß und ich bin mir sicher, dass manche auf der Stelle den Entschluss fassten, Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren.

Schließlich beteiligte ich mich an der Firma Space Adventures, die Shuttleworths Trip in den Weltraum organisiert hatte. Später nahm ich an einer von dieser Firma angebotenen Tour zum Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan teil, um den Start von Charles Simonyi, dem fünften (und siebten) Weltraumtouristen zu verfolgen. (Simonyi entwickelte das Programm Microsoft Word und besitzt mittlerweile sein eigenes Start-up namens Intentional Software sowie eine Stiftung und betreibt die Webseite CharlesinSpace.org.)

Bald darauf begann ich so nebenbei über die Möglichkeit zu sprechen, Ersatzkosmonautin im Space Adventures-Team zu werden. Ja, ich würde wirklich liebend gern in den Weltraum reisen, aber das kostet zwischen 35 und 40 Millionen Dollar, wohingegen die Ausbildungskosten für Ersatzraumfahrer „nur“ 3 Millionen Dollar betragen.

Ich hatte die vage Idee, dass ich im Jahr 2011 eventuell ins All reisen könnte – also in dem Jahr, da Google-Mitbegründer Sergej Brin vermutlich seine Reise antreten wird. Space Adventures drängte auf einen Termin im Jahr  2009, aber ich war zu beschäftigt.

Im letzten Frühjahr passierte es dann: Meine Schwester Emily erkrankte an Krebs und musste sich einer beidseitigen Brustamputation unterziehen. (Mittlerweile geht es ihr wieder gut und sie hat auch gerade einen Mini-Marathon gewonnen). Ein paar Wochen später hatte ich es mit einer dieser typischen Terminkollisionen zu tun: Eine Vorstandssitzung hier, eine Konferenz da und gleichzeitig noch ein Termin an einem anderen Ort. „Herrje”, dachte ich „hätte ich doch nur auch eine beidseitige Brustamputation, dann könnte ich alle diese Termine absagen und kein Mensch würde sich beschweren!“  

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Du liebe Zeit! Mir wurde klar, dass meine Prioritäten wohl aus dem Lot geraten waren. Auf seltsame Weise ist dieses Sabbatical in Russland meine Alternative zur beidseitigen Brustamputation – eine positive Alternative natürlich, aber doch eine Art Neustart. 

Das ist auch die Antwort auf eine andere Frage, mit der ich aufgrund meiner Arbeit im humangenetischen Bereich bei 23andMe (www.23andme.com) und Personal Genome Project ( www.personalgenome.org ) konfrontiert bin: Was würden Sie tun, wenn Sie erfahren, dass Sie in ein paar Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken werden? Natürlich würde ich mich zur Kosmonautin ausbilden lassen! Wozu also darauf warten, bis man erfährt, dass man womöglich an Alzheimer erkranken wird? Nächstes Monat werde ich dann berichten, was alles zum Training für einen Weltraumflug dazugehört.