The Worldly Philosophers
Die Revolte der Meritokraten
Jean-Paul Fitoussi
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PARIS – Die Rettung des Finanzsystems war ein merkwürdiger Moment in der Wirtschaftsgeschichte, da dabei diejenigen begünstigt wurden, die am meisten vom irrationalen Überschwang des Marktes profitiert haben: die Bosse von Finanzunternehmen. Bevor die Krise begann, wurde jedoch die Umverteilung von Vermögen (und die Steuern und Sozialversicherungsleistungen, die diese ermöglichen) als größtes Hindernis für wirtschaftliche Effizienz angesehen. So wurden die Werte der Solidarität durch die der individuellen „Leistung“ verdrängt, die nach der Höhe des Gehaltsschecks beurteilt wird.
Das Paradoxe daran ist, dass sich ein Teil dieser Entwicklung auf zwei positive Faktoren zurückführen lässt: das langsame Wirken der Demokratie, die den Einzelnen befreit, ihn aber gleichzeitig stärker isoliert; und die Entwicklung eines Sozialsystems, das Risiken verteilt und dem Einzelnen mehr Autonomie gibt. Aufgrund dieser Isolation und Autonomie glauben die Menschen immer mehr, dass sie allein für ihr eigenes Schicksal verantwortlich sind – mit allen Vor- und Nachteilen.
Hier liegt das Problem. Frei und autonom ist ein Individuum nur aufgrund der kollektiven Entscheidungen, die nach demokratischer Debatte getroffen werden, insbesondere jenen Entscheidungen, die jeder Person den Zugang zu allgemeinen Vorteilen wie Bildung, Gesundheitsfürsorge usw. sichern. Es mag zwar ein gewisses Solidaritätsgefühl bestehen bleiben, aber dieses ist so abstrakt, dass diejenigen, für die sich das Glücksrad so vorteilhaft gedreht hat, nur eine geringe Verpflichtung empfinden. Sie glauben, sie verdankten ihren Status allein ihrer Leistung, nicht den kollektiven Bemühungen – staatlich finanzierten Schulen, Universitäten usw. –, die sie in die Lage versetzt haben, ihr Potenzial auszuschöpfen.
Wenn Leistung in Geld gemessen wird, gibt es keine ethische Begrenzung für die Höhe des persönlichen Gehaltsschecks. Wenn ich zehn-, hundert- oder tausendmal mehr verdiene als Sie, dann weil ich zehn, hundert- oder tausendmal mehr wert bin als Sie.
Durch Leistung und Fähigkeiten geben wir dem Geld einen inneren Wert. Die menschliche Natur – Ego und/oder Arroganz – erledigt den Rest. Es überrascht daher nicht, dass viele Menschen sich selbst für unbezahlbar halten. Der zentrale Punkt, an dem diese Selbsteinschätzung bzw. ‑überschätzung auf die wenigsten Hindernisse trifft, ist der Finanzmarkt. Geld ist dort eine Abstraktion – „die Abstraktion der Abstraktionen“, wie es Hegel ausdrückte –, was zum Teil erklärt, warum die Gehälter nicht mehr in der Realität verankert sind.
Als die Krise anfing, argumentierten die Finanzinstitute selbstverständlich als Erste, dass Autonomie unrealistisch war und wir alle miteinander verflochten sind. Welchen anderen Grund gäbe es schließlich auch für die Steuerzahler, sie zu retten?
Doch nun beschließen dieselben Institute, dass sie wieder ihren eigenen Weg gehen wollen. Also wird die Welt von gestern (von vor der Krise) wiederbelebt. Indem sie die Risiken auf die Steuerzahler abwälzten, sanierten die Finanzinstitute mithilfe der Rettungspakete ihre Ertragsfähigkeit und kehren jetzt zu ihren alten Gewohnheiten zurück, die für sie so großartig funktioniert hatten und für andere so schlecht.
Niemanden sollte das überraschen. Was wirtschaftlich auf dem Spiel steht, treibt jeden dazu an, das Beste aus den jeweiligen Umständen zu machen. Die Rettung der Banken hat zu einer Fusionswelle geführt. Wenn sie vorher bereits zu groß waren, um in Konkurs zu gehen, was sollen wir jetzt erst sagen, wo die Banken noch größer sind? Ihre Marktmacht ist gewachsen, dennoch wissen sie, dass sie aufgrund der verstärkten systemischen Auswirkungen ihres potenziellen Bankrotts keine Risiken auf sich nehmen.
Zudem haben sie es mit einer Wirtschaft zu tun, die nach Krediten hungert und in der die Krise viele Unternehmen gefährdet hat, deren Bankrott keine systemischen Auswirkungen hätte. In einem dermaßen wettbewerbsfeindlichen Markt zu arbeiten, ist ein wahrer Glücksfall. Ich kenne nicht viele Geschäftsleute, die diese Situation nicht ausnutzen würden. Um ehrlich zu sein, kenne ich gar keine.
Die Doktrin des freien Marktes, die fast zu einer Religion geworden ist, hat diesen Glauben verstärkt: Die Märkte sind effizient, und wenn ich auf dem Markt so gut bezahlt werde (eine möglicherweise aberwitzige Summe, wie man bei den jüngsten Fällen gesehen hat), dann weil mein eigener Erfolg dies rechtfertigt. Ich beteilige mich außerdem indirekt und abstrakt daran, das Gemeinwohl zu mehren, indem ich durch meine Arbeit Werte schaffe, und dafür werde ich belohnt.
Doch plötzlich bricht das System in sich zusammen, die Schaffung von Werten wird zur Zerstörung, und die Paralleluniversen kollidieren. Kein Mathematiker kann sich an ein derart einzigartiges und spektakuläres Ergebnis erinnern: Die Parallelen kreuzen sich, wobei Autonomie (zumindest für den kurzen Augenblick der Rettung) zur Interdependenz wird. Denn die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Finanzwelt sind so stark und die Verflechtungen zwischen den sogenannten Paralleluniversen so eng, dass es keine andere Wahl gab.
Jetzt gehen uns die Augen auf; die Illusion der Arbitrage zwischen Effizienz und Solidarität verblasst. Die Krise erinnert uns daran, was jeder Mensch den anderen schuldet, und hebt eine moralische Wahrheit hervor, die wir schnell vergessen hatten: Die Reichen profitieren stärker als die Armen von ihrer Kooperation mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft.
Zwei Schlüsse kann man aus alldem ziehen. Der erste ist, dass wir alle angesichts der allgemeinen Vorteile, die uns die Gesellschaft bietet, zumindest einen Teil unseres Erfolges anderen verdanken. Das verlangt mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung bei der Festlegung der höchsten Gehälter, nicht aus moralischen Gründen, sondern damit das System aufrechterhalten werden kann.
Der zweite Schluss lautet, dass die am stärksten privilegierten Klassen, die am meisten von der Solidarität der anderen profitiert haben, vor allem von der der Armen, die Beiträge Letzterer nicht mehr von der Hand weisen können. Doch sollte man nicht darauf warten, dass sie dem zustimmen.
Jean-Paul Fitoussi ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Observatoire français des conjonctures économiques (OFCE) in Paris.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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Gordon 11:35 29 Dec 09
An individual's ability to 'create their own success' relies on their past, and on things over which they had no control. Interdependence is the nature of reality; 'meritocracy' is just a social more. To believe in meritocracy as an absolute moral law is sheer folly. A fox catches a rabbit because it was born with fast legs, a cunning mind and the instinct to hone them, not because it 'deserved' the rabbit more than another, slower fox.
Our present economy rewards selfishness and short-term thinking. We then look to the paragons of this system to tell us how to live, because they are such shining examples of 'success'.