China Stands Up
Zensur und Verstand
Jonathan Zittrain
Die meisten westlichen Journalisten wehren sich, wenn Regierungen ihre Fähigkeit bedrohen, die Informationen zusammenzutragen, die sie brauchen. Manche sind ins Gefängnis gegangen, um die Identität von anonymen Quellen und Zuträgern zu schützen oder haben Regierungen verklagt, die ihnen den Zugang zu entscheidenden Dokumenten verwehren. Leider kämpfen viele Journalisten offenbar wesentlich bereitwilliger um ihr Recht, Nachrichten zusammenzutragen, als um ihr Recht, die Ergebnisse ihrer Berichterstattung ungehindert zu veröffentlichen und zu senden. Anscheinend nehmen westliche Journalisten und Nachrichtenorganisationen Zensur innerhalb von Ländern, in denen die Medien routinemäßig kontrolliert werden, als gegeben hin.
Es mag notwendig gewesen sein, sich einer solchen Zensur zu fügen, als Druckerpressen, Lieferwagen, Zeitungskioske oder Sendemasten die einzige Möglichkeit waren, gedruckte Veröffentlichungen oder Sendungen an das Nachrichtenpublikum zu übermitteln. Doch das Publizieren im Internet bietet eine neue – und potenziell lukrative – Möglichkeit unzensierte Informationen zu verbreiten.
Eine derartige Freiheit ist nicht automatisch gegeben, denn sogar die inhärente Offenheit des Internets kann weitgehend durch die beharrliche Filterung und Überwachung seitens der Regierung zunichte gemacht werden. In der jüngsten Vergangenheit ist durch die nachhaltige Erforschung von Gegenmaßnahmen gegen eine derartige Einmischung von Dritten in die Internetkommunikation allerdings ein neuer Faktor hinzugekommen. Der Großteil dieser Forschung wurde nicht in Universitätslaboren oder in den Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen von Unternehmen durchgeführt, sondern spontan von Teenangern, die diese nutzen, um miteinander urheberrechtlich geschützte Musik auszutauschen, ohne dafür zu bezahlen.
Die Medien im Westen haben mit großem Interesse darüber berichtet, anscheinend jedoch ohne zu begreifen, dass diese Peer-to-Peer-Technologien das Potenzial besitzen, die Nachrichten für mehr Menschen in Ländern wie China von der Zensur auszunehmen, wo jegliche Online-Inhalte, die nicht mit der gegenwärtigen Linie der Kommunistischen Partei Chinas übereinstimmen, Gefahr laufen, der “digitalen Chinesischen Mauer” der Zensur zum Opfer zu fallen. Peer-to-Peer-Technologien erschweren das Filtern, weil sie nahezu jeden Informationskonsumenten in den Übertragungsprozess einbinden.
So könnten Nachrichtenorganisationen, ohne die Menschen in China zu gefährden, Vereinbarungen mit anderen Unternehmen treffen, um zu gewährleisten, dass unzensierte Berichte von einem unabhängigen Server zum nächsten weitergegeben werden, und China somit dazu herausfordern, das gesamte Internet zu filtern, wenn es Inhalte zu entfernen wünscht. Natürlich arbeiten Nachrichtenorganisationen unternehmerisch und es kann sich als schlechte Geschäftsstrategie erweisen, mächtigen Regierungen die Stirn zu bieten.
Deshalb hat es innerhalb der Medienunternehmen so wenig Widerstand, oder auch nur Protest, gegeben, wenn autoritäre Regierungen Journalisten, Redakteure und Verleger bedrohen. Es erklärt auch, warum sich Journalisten in diesen Ländern so häufig fast ein Bein ausreißen, um sich für einzelne Übertretungen zu entschuldigen, anstatt sich zu widersetzen.
Nachrichtenorganisationen könnten jedoch weitaus mehr Menschen erreichen, wenn sie daran arbeiten würden, die Filterung des Internet zu verhindern, anstatt sich untätig auf diejenigen innerhalb der Firewall zu verlassen herauszufinden, wie sie selbst über blockierte Seiten hinausgelangen können. Dies zu tun könnte sogar unternehmerisch betrachtet Sinn machen.
Der Aufbau eines einfallsreichen digitalen Vertriebssystems, das sich den Zensoren der Regierung entzieht, würde Nachrichtenorganisationen helfen, ihre Märkte zu erschließen und zu vergrößern. Wenn die repressive Politik einer Regierung abnimmt oder durch einen Regimewechsel endet, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Mediensender, die präsent und von der Regierung genehmigt waren, im Gegensatz zu ihren ausländischen Pendants, die fern blieben und die Wahrheit enthüllten, schlecht abschneiden werden. Wenn Nachrichtensender in geografisch entfernt liegenden offenen Gesellschaften den Konsumenten in Ländern wie China entgegenkommen, könnten die Vorteile sowohl für die Chinesen als auch für das finanzielle Resultat enorm sein.
Zusammen mit den geschäftstüchtigen Teenagern, die Napster entwickelten, haben Wissenschaftler wie Lorrie Faith Cranor an der Carnegie Mellon Universität die Struktur potenzieller neuer Netzwerke mit hochfliegenden Namen wie “Publius” ausgearbeitet, durch die unpopuläre Ansichten außerhalb des leichten Zugriffs von Regierungen in Umlauf gebracht werden können. Ein Team aus Computerwissenschaftlern in Stanford und anderswo hat ein Projekt namens “LOCKSS” entwickelt, das dezentralisierte Musterexemplare von Dokumenten speichert und Entstellungen oder Verfälschungen derselben erkennt, um die Integrität unserer geschriebenen Vergangenheit für immer zu wahren.
Diejenigen, die sich als Mitglieder der globalen unabhängigen Presse betrachten, sollten sich gemeinsam bemühen, vergleichbare Netzwerke zu konstruieren, über die Nachrichten und Berichterstattung frei fließen und jedem mit einem Internetanschluss zur Verfügung stehen können. Der Aufbau eines solchen Netzwerks wäre weitaus billiger als der Bau auch nur einer einzigen neuen Druckerei – und er wäre weitaus effektiver. Wir sollten die Titelblätter der Zeitungen eines jeden freien Landes als kostbare Dokumente betrachten, deren Kopien offen auf aller Welt genutzt werden sollten, insbesondere in Ländern mit erheblicher staatlicher Zensur.
Dank des Internets sind die Risiken bei der Realisierung dieser neuen Vertriebsnetzwerke wirklich nur geschäftliche Risiken – und somit quantifizierbar und überschaubar. Sie verblassen im Vergleich zu den Risiken, die Dissidenten in geschlossenen Gesellschaften auf sich nehmen. Diese Titelblätter auf eine gefilterte Webseite zu stellen sollte nur ein Anfang sein. Es ist an der Zeit, eine Methode zu finden, diese Titelblätter überall in Umlauf zu bringen. Es macht politisch Sinn; es könnte ebenso geschäftlich Sinn machen.
Copyright: Jonathan Zittrain, 2006.
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Aus dem Englischen von Sandra Pontow.
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