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Zumas Aufstieg

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2009-04-24

Die Bedenken hinsichtlich der Wahl Jacob Zumas zum Präsidenten Südafrikas lassen die Tatsache in den Hintergrund rücken, dass damit ein bedeutender Meilenstein erreicht wurde: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kommt in einem afrikanischen Land südlich der Sahara ein Vertreter der gewöhnlichen Menschen an die Macht.

Lange Zeit war die afrikanische Politik eine exklusive Domäne von Aristokraten, Soldaten und Technokraten. Sogar mit zunehmender Verbreitung demokratischer Wahlen kommen die jeweiligen Staatschefs tendenziell eher aus den Reihen der Soldaten (Uganda, Ruanda, Simbabwe), Familiendynastien (Togo, Kenia, usw.) oder Universitätsprofessoren, Anwälte und Ökonomen (Ghana, Malawi, Liberia). In Südafrika, dem Wirtschaftsmotor der Region und Heimat der besten afrikanischen Universitäten, Medien und Unternehmen, ist nun jedoch ein ehemaliger Ziegenhirte an der Macht, einer der wenigen afrikanischen Führer mit Volksnähe.

Zuma verfügt über die legendäre Fähigkeit, einen guten Draht zu den gewöhnlichen Menschen herzustellen. Er ist selbstbewusst genug, um in der Öffentlichkeit zu tanzen und zu singen.  Er spricht die Sprache des Populismus und gibt der großen Mehrheit jener Südafrikaner Hoffnung, die tagtäglich unter miserablen Wohnverhältnissen, Schulen und einer schlechten Gesundheitsversorgung leiden.  

Im Gegensatz zu seinen zwei Vorgängern – dem wie einen Heiligen verehrten Nelson Mandela, der sich auf die ethnische Aussöhnung konzentrierte und dem aristokratischen Thabo Mbeki, der mit seinem Schwerpunkt auf Makroökonomie die Finanziers beruhigte – erkennt Zuma die dringende Notwendigkeit einer materiellen Verbesserung im Leben der zig Millionen Notleidenden seines Landes.  „Wir haben aus den Fehlern der vergangenen 15 Jahre gelernt, vor allem aus der Art und Weise wie wir bis zu einem gewissen Grad die Volksbewegung möglicherweise vernachlässigt haben ”, sagte er im April, bevor sein Afrikanischer Nationalkongress zum Sieg eilte.

Bislang war Populismus die unbekannte Note in der politischen Kultur Afrikas. Zuma, der seine jungen Jahre als Viehhirte verbrachte und erst während seiner Zeit im berüchtigten Gefängnis von Robben Island, wo er mit Mandela einsaß, zu Schulbildung kam, ist sich in erfrischender Weise bewusst, dass Afrikas größtes Problem in den dort herrschenden Ungleichheiten und nicht in seiner globalen Marginalisierung besteht.  Im reichsten Land Afrikas – wo aber auch der Wohlstand am ungleichmäßigsten verteilt ist – agiert nun ein forscher Populist als Herr über die Regierungspolitik.

Während jedoch Zumas populistisches Auftreten die vor allem in Südafrika herrschenden enormen wirtschaftlichen Unterschiede widerspiegelt, hat die Drohung, höhere Steuern und andere Verpflichtungen für Arbeitgeber und Reiche einzuführen, auf nationaler und internationaler Ebene zu einigen Befürchtungen geführt. Überdies wird Zuma als Chamäleon bezeichnet, dem man vorwirft, jedem Auditorium das zu erzählen, was es hören will.

Zumas turbulentes Privatleben – etliche Ehefrauen und seine peinliche Behauptung während eines Vergewaltigungsprozesses, dass er eine HIV-Infektion durch Duschen vermied – gibt Anlass zu Spott und Hohn. Am schwersten wiegen jedoch die Zweifel hinsichtlich seines Demokratieverständnisses. Kritiker behaupten, er sei ein typisch afrikanischer „Big Man“ alten Stils, der bereit ist, seine Gegner zu schikanieren und mit seinen Spießgesellen die Staatskassen zu plündern.

Zuma weist diese Behauptungen zurück und beharrt darauf, dass seine Lauterkeit „kein Wölkchen trübe“. Unterdessen weisen seine Verteidiger auf zwei Leistungen hin, die er bereits vollbrachte: Er setzte Mbekis ambivalentem Ansatz bei der Bekämpfung von HIV/AIDS, der größten Gesundheitsbedrohung des Landes, ein Ende und ist in erfrischender Weise bereit, sich gegen Simbabwes greisen Diktator Robert Mugabe zu stellen, den Mbeki aus falsch verstandener Loyalität für seine Unterstützung im Kampf gegen die Apartheid hätschelte.

Da es in Afrika an erfolgreichen populistischen Politikern fehlt, könnten Zumas Vorbilder aus Lateinamerika stammen, wo ebenfalls extreme Einkommensunterschiede herrschen und die Gewerkschaftsbewegung so wie in Südafrika überaus stark und militant ist. Unter dem massiven Druck der gewöhnlichen Menschen, spürbare Verbesserungen zu erreichen, wird Zuma der Populist rasch vor einer wichtigen Bewährungsprobe stehen: Wird er Lula aus Brasilien kopieren, dem ein bewundernswerter Ausgleich zwischen guter wirtschaftlicher Steuerung und der Umverteilung des Wohlstandes zu den Armen gelang? Oder wird er dem Weg Hugo Chávez’ folgen, eines beliebten Autokraten, der offensichtlich lieber einen Personenkult um sich aufbaut als den Lebensstandard der Armen zu heben.

Für Afrika steht Enormes auf dem Spiel. Südafrika ist die größte Ökonomie des Kontinents und bis zur globalen Finanzkrise erlebte man 10 Jahre beständigen Wirtschaftswachstums. In Zeiten des Abschwungs kann sich das immense Kriminalitätsproblem des Landes nur verschärfen. Das gilt auch für die Arbeitslosigkeit, die im Bereich der offiziellen Wirtschaft bereits über 20 Prozent liegt.

Zuma weiß um die Dringlichkeit der Situation. Immerhin ist er 67 Jahre alt und wird wahrscheinlich nur eine Amtszeit dienen. „Wir können uns keine Zeitverschwendung leisten“, sagt er.

Dem politischen Ökonomen Moeletsi Mbeki zufolge, ist Zuma im Grunde seines Herzens „ein Konservativer“.  In diesem Sinne vertritt Zuma das Südafrika von gestern. Er ist Mitglied einer stolzen Generation, die die Apartheid bezwang – und der anschließend ein friedlicher Übergang zu einer schwarzen Mehrheitsregierung gelang. Das bleibt eine der größten Errungenschaften in der jüngeren Geschichte.

Gleichzeitig scheint sich Zumas revolutionäre Generation mit der Führung Südafrikas in der nun seit 15 Jahren dauernden Ära nach der Apartheid noch immer unwohl zu fühlen. In einer Region, wo die älteren Menschen sehr verehrt werden, muss Zumas Bindung an landestypische Traditionen eine gleichwertige Offenheit gegenüber den Bedürfnissen der Jugend des Landes gegenüberstehen.

Drei von zehn Südafrikanern sind jünger als 15 und das bedeutet, dass sie nicht einen Tag unter der Apartheid gelebt haben. Irgendwie muss Zuma einen Weg finden, einerseits das Engagement seiner Generation hinsichtlich ethnischer Gerechtigkeit und nationaler Befreiung zu würdigen und andererseits den Massen, die täglich unter Klassenunterschieden leiden und sich nach materiellen Verbesserungen sehnen, mehr Mitwirkungsmöglichkeiten einzuräumen.

G. Pascal Zachary verfasste seine Lebenserinnerungen unter dem Titel  Married to Africa.

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