The Human Rights Revolution
Keine Aussätzigen mehr
Yohei Sasakawa
Tokio: In diesem Monat wurde der belgische Priester Pater Damian von Papst Benedikt XVI. in Rom heilig gesprochen. Diese religiöse und spirituelle Zeremonie bietet uns Gelegenheit, über das Leben Pater Damians und jenes der Menschen, mit denen er am engsten assoziiert wird – den von Lepra Betroffenen –, nachzudenken.
Im Jahre 1873 machte sich Pater Damian auf, um unter den Leprakranken zu leben, die man auf eine isolierte Halbinsel der zu Hawaii gehörenden Insel Molokai verbannt hatte. Dies war in einer Zeit, als Lepra als gefährliche, ansteckende Krankheit gefürchtet war, für die es keine Heilung gab.
Die Welt ist übersät von Inseln, auf welche man früher die Leprakranken verbannte; Robben Island in Südafrika, wo Nelson Mandela später als politischer Gefangener einsaß, Culion auf den Philippinen, verschiedene Inseln im Mittelmeer und fünf in Japan gehören dazu. Während der 16 Jahre seines Aufenthalts auf der Insel, bis er selbst der Krankheit erlag, widmete Pater Damian sein Leben dem Wohl der Leprakranken auf Molokai.
Heute ist Lepra heilbar. Seit Anfang der 1980er Jahre Kombinationstherapien aus mehreren Medikamenten aufkamen, wurden etwa 16 Millionen Menschen von der Krankheit geheilt. Im Jahre 1985, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel aufstellte, die Prävalenz der Krankheit in jedem Land auf weniger als einen Fall pro 10.000 Einwohner zu drücken, gab es noch 122 Länder, die diesen Wert nicht erreichten. Heute sind es noch drei. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Krankheit in keinem Land mehr ein größeres öffentliches Gesundheitsproblem ist.
Doch der Kampf gegen die Lepra hat noch einen weiteren Aspekt. Um diesen zu erläutern, verwende ich oft das Beispiel vom Motorrad. Das Vorderrad stellt den medizinischen Kampf zur Ausrottung der Krankheit dar; das Hinterrad symbolisiert die Bemühungen auf gesellschaftlicher Ebene, das Stigma und die Diskriminierung, die durch Lepra verursacht werden, zu bekämpfen.
Überall auf der Welt waren und sind von Lepra Betroffene und ihre Familienmitglieder gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt. Um dieser zu entgehen, waren viele gezwungen, Kolonien zu gründen und am Rande der Gesellschaft zu leben. Noch heute findet man solche ausgegrenzten Gemeinschaften, und es ist äußerst bedauerlich, dass verantwortliche Zeitungen deren Bewohner noch heute mit dem abwertenden Begriff „Aussätzige“ bezeichnen. Eine derart stigmatisierende Bezeichnung ist ein Angriff auf die Würde der von Lepra Betroffenen und eine wichtige Ursache der Diskriminierung und Vorurteile, unter denen sie leiden.
Vielen von Lepra Betroffenen wurden und werden ihre natürlichen Rechte versagt, was Schule und Bildung, Beschäftigung, Heirat und die Teilnahme am öffentlichen Leben angeht. Selbst ihre völlig gesunden Kinder leiden. Es sind Fälle bekannt, wo Hotels und Restaurants von Lepra Betroffenen den Zutritt versagten, und der Zugang zu staatlichen Leistungen ist ihnen häufig verwert. Diskriminierung ist ein ständiges Merkmal vieler Aspekte ihres Lebens.
Stanley Stein, der als Patient und Kämpfer für die Rechte von Patienten etwa 40 Jahre hinter Stacheldraht im inzwischen geschlossenen Leprosenheim von Carville, Louisiana, verbrachte, schrieb einst: „Die verheerenden Auswirkungen des mit dieser Krankheit verbundenen Stigmas sind genau so schlimm wie die verheerende Wirkung des Erregers selbst.“ Ich frage mich, wie viele Menschen wissen, dass die USA, ein Verfechter der Menschenrechte, bis nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen mit Lepra das Wahlrecht verweigerten.
Das Hinterrad des Motorrades hat sich nun, sehr spät, zu drehen begonnen: Eine von der japanischen Regierung eingebrachte Resolution, die ein Ende der Diskriminierung von Lepra betroffener Personen und ihrer Familienangehörigen fordert, wurde im Juni vergangenen Jahres vom Menschenrechtsrat einstimmig gebilligt. Seitdem wurden vom Beratenden Ausschuss des Rates Entwürfe für Grundsätze und Richtlinien zur Beendigung der Diskriminierung verfasst. Diese wurden dem Rat in seiner kürzlich zu Ende gegangenen 12. Sitzung vorgelegt, und die Ratsmitglieder beschlossen, dass in der 15. Sitzung im kommenden Jahr ein abschließender Entwurf präsentiert werden soll.
Langsam aber sicher trägt der Kampf um die Anerkennung der Rechte von Lepra Betroffener Früchte. Doch während wir die Heiligsprechung von Pater Damian und ein Leben im selbstlosen Dienst am Nächsten feiern, sollten wir zugleich anerkennen, dass es jeden Einzelnen von uns braucht, um die Welt von Diskriminierung zu befreien.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
AUTHOR INFO



ahmettuna 09:11 02 Nov 09
Thank you so much. Because of the article, I learned a lot about leprosy and the ones that once were exiled to the far away places.