Saturday, October 25, 2014
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Werden die globalen Ungleichgewichte zurückkehren?

PEKING – Die Geschichtsbücher der Zukunft werden, je nachdem, wo sie geschrieben wurden, bei der Schuldzuweisung für die aktuelle weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise einen von zwei Ansätzen wählen.

Der erste Ansatz macht die lockere Regulierung, nachgiebige Geldpolitik und die unzureichenden Ersparnisse in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Der zweite, der bereits von ehemaligen und gegenwärtigen US-Amtsträgern wie Alan Greenspan und Ben Bernanke verbreitet wird, macht den immensen Liquiditätspool verantwortlich, der von Ländern mit hohen Ersparnissen in Ostasien und im Nahen Osten erzeugt wurde. Diese liquiden Mittel, so werden sie argumentieren, mussten irgendwohin fließen. Ihr logisches Ziel war das Land mit dem komplexesten Finanzmarkt, die USA, wo sie die Preise für Anlagewerte auf ein unhaltbar hohes Niveau ansteigen ließen.

Es gibt nur einen Punkt, in dem die Mitglieder beider Lager übereinstimmen: Das globale Ungleichgewicht bei den Ersparnissen – niedrige Ersparnisse in den USA und hohe Ersparnisse in China und anderen Schwellenländern – hat beim Entstehen der Krise eine Schlüsselrolle gespielt, da die Amerikaner dadurch über ihre Verhältnisse leben konnten. Es hat die Financiers, die mit ihren reichlich vorhandenen Mitteln unbedingt einen Gewinn erwirtschaften wollten, dazu ermutigt, diese Mittel spekulativer einzusetzen. Wenn es in einer Frage einen Konsens gibt, dann ist es die Unmöglichkeit, die Blase und den Crash zu verstehen, ohne die Rolle der globalen Ungleichgewichte zu berücksichtigen.

Um ähnliche Krisen in Zukunft zu verhindern, muss daher das Problem der globalen Ungleichgewichte gelöst werden. Hier sind die ersten Anzeichen beruhigend. Die amerikanischen Haushalte sparen wieder. Das US-Handelsbilanzdefizit ist nach den neuesten Daten von 60 Milliarden Dollar pro Monat auf lediglich 26 Millionen Dollar gesunken. Anhand einer einfachen Berechnung wissen wir also, dass der Rest der Welt entsprechend geringere Überschüsse erwirtschaftet.

Doch sobald die amerikanischen Haushalte ihre Rentensparkonten wieder aufgefüllt haben, können sie zu ihren verschwenderischen Gewohnheiten zurückkehren. Tatsächlich setzen die Regierung Obama und die Federal Reserve alles daran, den US-Konsum anzukurbeln. Der einzige Grund für das Schrumpfen des US-Handelsbilanzdefizits ist, dass das Land sich weiterhin in einer schweren Rezession befindet, was dazu führt, dass die US-Importe und ‑Exporte parallel einbrechen.

Bei einer Erholung könnten beide wieder auf ihr vorheriges Niveau klettern, und das US-Zahlungsbilanzdefizit von 6 % des BIP wäre wieder da. In Wirklichkeit hat es keine Änderung der relativen Preise oder eine Abwertung des US-Dollars in einer Größenordnung gegeben, die eine dauerhafte Verschiebung der Handels- und Ausgabenmuster erahnen ließe.

Ob es eine dauerhafte Verringerung der globalen Ungleichgewichte geben wird, hängt vor allem von Entscheidungen ab, die außerhalb der USA gefällt werden, insbesondere in Ländern wie China. Die Vorhersage dieser Entscheidungen hängt ihrerseits davon ab, warum diese Länder überhaupt so hohe Überschüsse erwirtschaftet haben.

Eine Ansicht lautet, dass ihre Überschüsse eine logische Folge der Politik des exportorientierten Wachstums waren, die so lange so gut funktioniert hat. Chinas Machthaber sträuben sich verständlicherweise dagegen, ein erprobtes und bewährtes Modell aufzugeben. Sie können ihre Wirtschaft nicht von heute auf morgen umstrukturieren. Sie können die Arbeiter, die bislang Kinderspielzeug in Guangdong bemalt haben, nicht über Nacht abziehen und zum Schulenbau nach Westchina abstellen. Sie benötigen Zeit, um ein soziales Netz aufzubauen, das die chinesischen Haushalte dazu bewegen kann, ihre Vorsorgeersparnisse zu reduzieren. Wenn diese Sichtweise korrekt ist, können wir damit rechnen, dass die globalen Ungleichgewichte wieder entstehen, sobald die Rezession vorbei ist, und sich erst danach langsam verringern.

Die andere Ansicht lautet, dass China nicht durch seine Warenexporte, sondern durch seine Kapitalexporte zum globalen Ungleichgewicht beigetragen hat. Was China fehlte, war nicht die Nachfrage nach Konsumgütern, sondern die Versorgung mit hochwertigen Finanzanlagen. Diese fand es in den USA, hauptsächlich in Form von Treasury-Notes und anderen staatlich gesicherten Wertpapieren, und drängte damit andere Investoren in riskantere Investitionen ab.

Die jüngsten Ereignisse haben den Status der USA als Anbieter hochwertiger Anlagen nicht verbessert. Und China wird seinerseits seine Finanzmärkte sowie seine Fähigkeit weiterentwickeln, intern hochwertige Finanzanlagen zu schaffen. Doch das wird einige Zeit dauern. In der Zwischenzeit verfügen die US-Finanzmärkte immer noch über die höchste Liquidität der Welt. Diese Interpretation bedeutet ebenfalls ein erneutes Entstehen der globalen Ungleichgewichte, sobald die Rezession beendet ist, und ihre allmähliche Verringerung im Anschluss daran.

Eine Entwicklung, die diese Vorhersage ändern könnte, wäre, wenn China zu der Überzeugung gelangte, dass Investitionen in US-Finanzanlagen ein Verlustgeschäft sind. Die turmhohen US-Haushaltsdefizite könnten die Angst auslösen, Verluste bei den US-Schatzanleihen zu erleiden. Eine Politik, die die Schulden de facto per Inflation reduziert, könnte derartige Ängste weiter befeuern. An dieser Stelle würde China den Hahn zudrehen, der Dollar würde einbrechen, und die Fed wäre gezwungen, die Zinssätze anzuheben, was die USA wieder in eine Rezession zurückwerfen würde.

Es gibt zwei Hoffnungen, um dieses katastrophale Ende zu verhindern. Eine ist, sich bei der Stabilisierung der US- und Weltwirtschaft auf Chinas Wohlwollen zu verlassen. Die andere lautet, dass die Regierung Obama und die Fed Einzelheiten darüber bekanntgeben, wie sie das Haushaltsdefizit beseitigen und eine Inflation vermeiden werden, sobald die Rezession vorüber ist. Die zweite Option ist eindeutig vorzuziehen. Es ist schließlich immer besser, Herr über das eigene Schicksal zu sein.

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