Friday, September 19, 2014
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Wird China die Welt regieren?

CAMBRIDGE – Vor dreißig Jahren hatte China nur einen kleinen weltwirtschaftlichen Fußabdruck und geringen Einfluss außerhalb seiner Grenzen, ausgenommen einige Länder, mit denen es enge politische und militärische Beziehungen unterhielt. Heute ist das Land eine bemerkenswerte Wirtschaftsmacht: die Werkstatt der Welt, ihr wichtigster Geldgeber, ein führender globaler Investor von Afrika bis Lateinamerika und immer mehr auch eine wichtige Quelle für Forschung und Entwicklung.

Die chinesische Regierung sitzt auf einer erstaunlichen Menge an Devisenreserven – mehr als 2 Billionen Dollar. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Branche, die Chinas Einfluss nicht zu spüren bekommen hätte, entweder als Hersteller von billiger Massenware oder, bedrohlicher, als gefürchteter Wettbewerber.

China ist noch immer ein armes Land. Obwohl der Durchschnittslohn in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist, beträgt er immer noch ein Siebtel bis ein Achtel des Lohnniveaus in den USA – niedriger als in der Türkei oder Kolumbien und nicht viel höher als in El Salvador oder Ägypten. Während die Küstenregionen Chinas und die großen Städte immensen Reichtum aufweisen, sind weite Teile Westchinas noch immer von großer Armut gekennzeichnet. Chinas Wirtschaft wird die US-amerikanische aber dennoch in den nächsten zwei Jahrzehnten überholen.

In der Zwischenzeit sind die USA, die einzige wirtschaftliche Supermacht der Welt, zu einem strauchelnden Riesen geworden, gedemütigt durch eine ungeschickte Außenpolitik und eine massive Finanzkrise. Ihre Glaubwürdigkeit nach der katastrophalen Invasion des Irak war noch nie so gering, trotz der Sympathie, die Präsident Obama in der ganzen Welt entgegenschlägt, und sein Wirtschaftsmodell ist ein Scherbenhaufen. Der einst so mächtige Dollar hängt am Tropf von China und den reichen Ölstaaten.

All dies lässt die Frage aufkommen, ob China die USA schließlich als Hegemon der Welt ablösen und die wirtschaftlichen Regeln bestimmen und durchsetzen wird. In dem faszinierenden neuen Buch When China Rules the World [Wenn China die Welt regiert] lässt der britische Gelehrte und Journalist Martin Jacques keinen Zweifel aufkommen: wenn Sie glauben, China wird sich reibungslos in eine liberale, kapitalistische und demokratische Weltordnung integrieren, werden Sie eine Überraschung erleben. China ist nicht nur die nächste wirtschaftliche Supermacht, sondern die Weltordnung, die es errichten wird, wird ganz anders aussehen, als die, die wir unter amerikanischer Führung hatten.

Amerikaner und Europäer nehmen unbekümmert an, dass China ihnen ähnlich würde, wenn sich seine Wirtschaft weiter entwickelt und seine Bevölkerung wohlhabender wird. Das ist laut Jacques eine Fata Morgana. Die Chinesen und ihre Regierung sind einer anderen Vorstellung von Gesellschaft und Politik verpflichtet: gemeinschaftsorientiert statt individualistisch, zentralistisch statt liberal, autoritär statt demokratisch. China hat eine 2000-jährige Geschichte als Hochkultur, aus der sie Kräfte ziehen kann. Es wird sich nicht einfach westlichen Werten und Institutionen fügen.

Eine auf China konzentrierte Weltordnung wird chinesische Werte eher reflektieren als westliche, argumentiert Jacques. Peking wird New York überschatten, der Renminbi den Dollar ersetzen, Mandarin wird Englisch ablösen und die Schulkinder der Welt werden die Entdeckungsreisen von Zheng He entlang der Ostafrikanischen Küste behandeln anstatt Vasco da Gama und Christopher Columbus.

Das Evangelium des Marktes und der Demokratie wird der Vergangenheit angehören. China ist viel zurückhaltender, wenn es um die Einmischung in die Angelegenheiten anderer souveräner Staaten geht. Im Gegenzug wird es allerdings von kleineren, weniger mächtigen Staaten verlangen, dass sie Chinas Vorrangstellung ausdrücklich anerkennen (genau wie früher die Vasallenstaaten).

Bevor all dies passiert, muss jedoch China sein schnelles Wirtschaftswachstum fortsetzen und seine soziale Kohäsion und politische Einheit aufrechterhalten, was keineswegs eine leichte Aufgabe ist. Unter der Oberfläche des leistungsstarken Wirtschaftsmotors liegen tiefe Spannungen, Ungleichheiten und Spaltungen, die einen problemlosen Aufstieg zur globalen Hegemonie behindern könnten. In seiner langen Geschichte haben Zentrifugalkräfte das Land immer wieder in Chaos und Desintegration gestürzt.

Chinas Stabilität hängt davon ab, ob die Regierung der großen Mehrheit im Land zu konstanten wirtschaftlichen Gewinnen verhelfen kann. China ist das einzige Land der Welt, wo ein jährliches Wirtschaftswachstum von unter 8 Prozent als gefährlich gilt, weil es soziale Unruhen auslösen würde. Der Großteil des Rests der Welt kann von solchen Zahlen nur träumen, was Bände über die unter der Oberfläche liegende Zerbrechlichkeit des chinesischen Systems spricht.

Das autoritäre Wesen des politischen Regimes liegt im Kern dieser Zerbrechlichkeit. Es lässt bei Protesten gegen die Regierung nur Repression zu, eine Opposition ist nur außerhalb der etablierten Kanäle möglich.

Das Problem ist, dass es für China immer schwieriger werden wird, das Wachstum der vergangenen Jahre aufrecht zu erhalten, das auf einer unterbewerteten Währung und einem riesigen Handelsüberschuss basiert. Dies ist auf Dauer unhaltbar und wird früher oder später zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den USA (und Europa) führen. Kein Weg aus diesem Dilemma ist leicht. China muss sich wahrscheinlich mit einem niedrigeren Wachstum zufrieden geben.

Wenn China diese Hürden überwindet und schließlich die größte Wirtschaftsmacht der Welt wird, wird die Globalisierung chinesische Züge tragen. Demokratie und Menschenrechte werden dann wahrscheinlich ihren Glanz als globale Normen verlieren. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass eine chinesische Weltordnung nationale Souveränitäten mit mehr Respekt und nationale Vielfalt mit mehr Toleranz begegnen wird. Es wird mehr Raum geben für das Experimentieren mit den verschiedenen Wirtschaftsmodellen.

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