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Wird der Einbruch an Amerikas Börsen zu einer Depression führen?

Milliarden von Menschen in der Welt, die nicht an der US-Aktienbörse investieren, machen sich große Sorgen über den Preissturz der Aktien in Amerikas. Wird das Ende des Booms an den Aktienmärkten ein Einknicken der US-Wirtschaft auslösen, und zwar eines, das sich dann auch über den Rest der Welt ausbreiten wird? Diese Frage ist lebenswichtig, weil tatsächlich vielen Finanzblasen ein Zusammenbruch von Produktion und Beschäftigung gefolgt ist.

Wir können eine Antwort nur erraten, aber meine Vermutung ist, daß die USA mit nur einer kleinen Rezession davonkommen werden. Vielleicht erscheint mein Optimismus in einer Zeit unangebracht, in der die Börse beinahe jeden Tag nachgibt und in der andere Länder in ihrer eigenen Geschichte erlebt haben, dass Börsenstürze den wirtschaftlichen Zusammenbruch ausgelöst haben.

Der Optimismus erscheint auch angesichts der schwachen wirtschaftlichen Führungsrolle Amerikas töricht. Präsident Bush stellte leichtfertig Steuersenkungen für Reiche über alle anderen wirtschaftlichen Bedenken. Er ist ein Protektionist und kein Freihändler. Jetzt stehen sowohl Präsident Bush als auch Vizepräsident Cheney wegen möglicher Wirtschaftsvergehen ihrer Firmen, als sie noch die Geschäfte führten, unter Verdacht

Warum also bin ich bedingt optimistisch? Wenn man die Zusammenhänge zwischen Börse und dem Rest der Wirtschaft untersucht, lässt sich das wie folgt erklären.

Während eines Börsenbooms, wenn die Aktienpreise durch das starke Vertrauen der Investoren hoch getrieben worden sind, hilft die Börse mit, einen umfassenden wirtschaftlichen Boom zu erzeugen. Verbraucher, die Aktien besitzen, fühlen sich reicher und kaufen daher mehr. Desgleichen nehmen die Verbraucher auf Grund ihres Aktienreichtums Kredite auf, um neue Wohnungen, Autos, und andere teure Güter zu kaufen.

Zudem finden es Firmen recht einfach, Anleihen aufzunehmen oder neue Wertpapiere für Kapitalinvestitionen auszugeben. Sie lösen damit einen Investitionsboom in der Wirtschaft aus. Die Banken gewähren Haushalten und Unternehmen zu günstigen Bedingungen Kredit, wenn sie hochbewertete Aktien besitzen. Sie halten den Reichtum an Wertpapier für ausreichende Sicherheiten. Und, um sich ihren Anteil am Geschehen zu sichern, bringen ausländische Investoren Geld ins Land.

Wenn ein Börsenboom an sein Ende kommt und die Preise einbrechen, kehren sich diese Verhaltensmuster um. Konsum und Investitionen gehen zurück Ausländische Investoren ziehen sich zurück. Bankdarlehen werden knapper. Diese Faktoren bremsen die Wirtschaft ab. Es ist wahrscheinlich, daß die USA jetzt einige Erscheinungsformen der wirtschaftlichen Beruhigung, wie in der schwachen Rezession der vergangenen beiden Jahre erleben werden.

Allerdings können zwei Kräfte eine schwache wirtschaftliche Beruhigung in eine ernsthafte Rezession oder gar Depression treiben: 1. Der Einbruch der Aktienpreise kann wie in Japan, Mexiko und erst kürzlich in Argentinien zu einer ausgewachsenen Bankenkrise führen. 2. Banken können feststellen, dass sie während eines Börsensturzes ihre Forderungen nicht realisieren können. Sie dürften dann vor dem Bankrot stehen und deshalb neue Ausleihen rigoros einschränken. In extremen Fällen bangen die Kontoinhaber um die Sicherheit ihrer Einlagen und ziehen ihr Geld von den Banken ab. Eine solche Einlegerpanik verschärft die Bankkrise; auch ausländische Investoren können sich plötzlich zurückziehen, wenn sich die Erwartungen des schnellen Geldes in eine Finanzpanik verkehren. Plötzlich gerät das Land in eine Zahlungsbilanzkrise, in der es seine ausländischen Schulden nicht bedienen kann. Dies unterbricht Handel und Produktion.

Mein gemäßigter Optimismus ergibt sich aus meiner Zuversicht, dass die USA sowohl eine Bankkrise als auch eine Zahlungsbilanzkrise umgehen werden. Einige amerikanische Banken werden wahrscheinlich als Folge des Zusammenbruchs der Wertpapiermärkte große Verluste ankündigen. Ja, es ist sogar möglich, dass der US-Dollar weiterhin an Wert verlieren wird. Aber wahrscheinlich dürfte sich keines von beiden zu einer regelrechten Krise auswachsen.

US-Banken erweisen sich noch immer als stark - mit solider Kapitaldecke ausgestattet und sie sind verhältnismäßig gut beaufsichtigt und halten nur einen mäßigen Anteil an geplatzten Anleihen. Hinsichtlich der ausländischen Gläubiger ist die gute Nachricht, dass Amerika ihnen das Geld eher in Form von US-Dollar schuldet als in einer anderen Währung.

Den USA werden, um ihre ausländischen Schulden zu bedienen, die Dollar nicht so ausgehen wie Argentinien oder Korea, die im vergangenen Jahrzehnt Dollar für ihre Zahlungen an ausländische Gläubiger brauchten. Der Dollar kann wohl an Wert verlieren, wenn Investoren sich aus den USA zurückziehen, aber wahrscheinlich geschieht das, ohne eine ernstere Krise auszulösen.

Erinnern Sie sich auch daran, dass die Vereinigten Staaten jede mögliche wirtschaftliche Stagnation, jedenfalls zum Teil mit einer expansiven Finanzpolitik überwinden können. Die Federal Reserve Bank (FED) kann, wenn erforderlich, die Zinssätze weiter senken. Die Herabsetzung der Zinssätze kann wahrscheinlich nicht die Wirtschaftsflaute aufhalten, aber sie kann zur Absicherung gegen einen ausgewachsenen wirtschaftlichen Zusammenbruch beitragen.

Der berühmteste Börsenkrach der Geschichte, dem ein wirtschaftlicher Zusammenbruch gefolgte war, begann 1929. Amerikas Börse brach im Oktober 1929 ein, und riss die USA und einen großen Teil der Welt in eine tiefe Depression. Aber jene berühmte und verheerende Zeitspanne bestätigte auch diejenigen Prinzipien, die ich heute betone.

Der entscheidende Auslöser der Großen Depression der 1930 Jahre war nicht der Preisverfall an den Aktienmärkten, sondern der Zusammenbruch des amerikanischen Banksystems, der in den Jahren 1930-33 erfolgte. Da es damals in den USA keine Einlagenversicherung gab, gerieten Einleger in Panik, als einige Banken in Konkurs zu gehen begannen. Die Panik löste dann auf breiter Front Bankzusammenbrüche aus. Außerdem hielt sich die FED damals nicht für berechtigt, den Geldumlauf zu erhöhen, weil die USA noch am Goldstandard festhielten.

Mein bedingter Optimismus soll nicht meine Unzufriedenheit über das wirtschaftliche Missmanagement in Amerikas zudecken. Die fahrlässigen Steuersenkungen der Bush-Regierung und ihre protektionistische Gewerbepolitik sollten geändert werden. Das Fehlverhalten der Unternehmen muß aufgedeckt und bestraft werden. Aber letztendlich ist die US-Wirtschaft produktiv, flexibel und sehr innovativ. Sie ist wahrscheinlich stark genug, um dem unverantwortlichen öffentlichen und privaten Wirtschaftsmanagement in den letzten Jahren Stand zu halten.

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