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Geborene Pianisten?

LONDON – Alan Rusbridger, Chefredakteur der britischen Tageszeitung The Guardian, hat ein Buch über seinen Beschluss geschrieben, jeden Tag 20 Minuten lang Klavier zu üben. Die Bewunderung seiner Freunde war ihm sicher, als er ihnen achtzehn Monate später Chopins außerordentlich schwierige Ballade Nr. 1 in G-Moll vorspielte. Hätte das jeder gekonnt? Oder war dafür eine besondere Begabung erforderlich?

„Nature vs. Nurture“ − die Frage, ob Veranlagung oder Umwelt den Menschen prägt, wird schon seit langem diskutiert. Sie bleibt ungeklärt, weil die wissenschaftliche Fragestellung seit jeher mit Politik verwoben ist. Vereinfacht ausgedrückt wird der Schwerpunkt von politisch Konservativen auf die angeborenen Fähigkeiten gelegt; die Umwelteinflüsse werden von den politisch Radikalen hervorgehoben.

John Stuart Mill, englischer Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts, zählte zu den Vertretern des „das kann jeder“. Er war überzeugt, dass seine Leistungen in keiner Weise einer außergewöhnlichen Veranlagung geschuldet waren: Jeder, der über eine „normale Intelligenz und Gesundheit“ verfügt und den Erziehungsmethoden seines Vaters unterworfen wird – unter anderem Griechischunterricht im Alter von drei Jahren – hätte John Stuart Mill werden können.

Mill war Teil der liberalen Kritik seines Jahrhunderts an aristokratischen Privilegien: Nicht die Geburt, sondern Chancen und Möglichkeiten waren für Erfolg verantwortlich. Die Verwirklichung geistiger Fähigkeiten (Bildung) setzt Potenzial frei, das sonst ungenutzt bliebe.

Durch Charles Darwin wurde diese optimistische Auffassung von den möglichen positiven Einflüssen äußerer Faktoren (nurture) scheinbar widerlegt. Arten entwickeln sich, so Darwin, durch „natürliche Selektion“ – durch einen Kampf ums Dasein erfolgt die zufällige Auswahl biologischer Merkmale, die das Überleben in einer Umgebung mit knappen Ressourcen begünstigen. Herbert Spencer verwendete den Begriff des „Survival of the Fittest“                  („Überleben der Stärksten“, d.h. der am besten an den Überlebenskampf Angepassten), um gesellschaftliche Entwicklung zu erklären.

Sozialdarwinisten interpretierten natürliche Selektion so, dass humanitäre Bemühungen die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern, den Fortschritt der Menschheit behindern würden, weil diese mit zu vielen Schmarotzern belastet wäre. Die Gesellschaft würde knappe Ressourcen für Verlierer und nicht für Gewinner ausgeben. Das passte zur Ideologie eines Kapitalismus „blutig rot an Zähnen und Klauen“.

Tatsächlich lieferte Sozialdarwinismus eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung für den amerikanischen Glauben an das Prinzip des Laissez-faire (bei dem der erfolgreiche Geschäftsmann das Überleben des Stärkeren verkörpert); für Eugenik (der bewusste Versuch − nach dem Vorbild der Pferdezucht − überlegene Individuen heranzuzüchten und die „Überzüchtung“ der Untauglichen zu verhindern) und für die nationalsozialistische Rassenhygiene.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Mills Auffassung als Reaktion auf die mörderischen Tendenzen des Sozialdarwinismus zur vorherrschenden Meinung in Form von Sozialdemokratie.

Staatliche Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährung, Bildung, Gesundheit und Wohnungssituation würden die Armen in die Lage versetzen, ihr Potential auszuschöpfen. Konkurrenz als gesellschaftliches Prinzip wurde zugunsten von Kooperation herabgesetzt.

Es wurde nicht bestritten (zumindest von den Vernünftigen), dass angeborene Fähigkeiten unterschiedlich sein können. Es herrschte jedoch zu Recht die Auffassung, dass noch viel getan werden muss, um das durchschnittliche Leistungsniveau anzuheben, bevor man sich Gedanken darüber macht, dass die eingeschlagene Politik das Überleben der Untüchtigen begünstigen könnte.

Dann begann sich die Stimmung erneut zu wandeln. Die Sozialdemokratie war Angriffen ausgesetzt, die Erfolgreichen zu bestrafen und die Erfolglosen zu belohnen. Im Jahr 1976 beschreibt der Biologe Richard Dawkins das „egoistische Gen“ als Einheit der darwinistischen natürlichen Selektion. Nun wurde die Evolutionsgeschichte als Kampf der Gene dargestellt, die versuchen ihr Überleben im Lauf der Zeit durch Mutationen zu sichern, die Individuen (Phänotypen) hervorbringen, die am besten geeignet sind ihre Gene weiterzugeben. Die unterlegen Phänotypen verschwinden im Lauf der Evolution.

Diese Sicht der Evolution wäre vor der Entdeckung der DNA nicht möglich gewesen, es ist aber dennoch kein Zufall, dass sie im Zeitalter von Ronald Reagan und Margaret Thatcher an Bedeutung gewann. Das egoistische Gen muss sicherlich insofern „altruistisch“ sein, dass sein Überleben vom Überleben der verwandten Gruppe abhängt. Aber so altruistisch nun auch wieder nicht. Und obwohl Dawkins es im Nachhinein bedauerte, sein Gen „egoistisch“ genannt zu haben (ihm zufolge wäre „unsterblich“ besser gewesen), war seine Wahl des Adjektivs ganz sicher am besten an die Maximierung seiner Buchverkäufe zum damaligen Zeitpunkt angepasst.

Inzwischen sind wir davon abgekommen, für Egoismus einzutreten, aber wir haben keine unabhängige Reflexion über Moral zurückerlangt. Die neue Orthodoxie, zeitgemäß für eine Welt, in der sich zügellose Gier als wirtschaftlich verhängnisvoll erwiesen hat, besteht darin, dass die menschliche Spezies genetisch programmiert ist Moral zu besitzen, weil sie ihren Fortbestand nur durch moralisches Handeln (indem sie für das Überleben anderer sorgt) sichern kann.

Die gegenwärtige Reflexion über Moral ist von der Metapher des „hard-wiring“ bestimmt, was so viel wie „fest verdrahtet / vorprogrammiert / genetisch veranlagt“ bedeutet. Dem britischen Großrabbiner Jonathan Sacks zufolge sind religiöse Überzeugungen für unser Überleben nützlich, weil sie uns bewegen uns in sozialer Hinsicht kooperativ zu verhalten: „Wir haben Spiegelneuronen, die uns Schmerz empfinden lassen, wenn wir andere leiden sehen“, schrieb Sacks unlängst. Rücksichtnahme auf andere wird „im präfrontalen Cortex lokalisiert“. Und Religion „rekonfiguriert unsere Nervenbahnen“. Kurzum: „Die Neo-Darwinisten entkräften Religion keineswegs, sondern haben uns geholfen zu verstehen, warum sie wichtig ist.” Sorgen über ihren Niedergang sind also unbegründet.

Atheisten mögen anderer Meinung sein. Eine außergewöhnliche Aussage für einen Religionsführer ist es trotzdem, weil es die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit, oder nach dem moralischen Wert, religiöser Überzeugungen beiseitelässt. Oder vielmehr: Die ganze „Verdrahtung“ im präfrontalen Cortex muss moralisch beschaffen sein, weil sie dem Überleben dient. In diesem Fall stellt sich jedoch die Frage, welchen moralischen Wert das Überleben besitzt: Stellt der Fortbestand der Menschheit an sich irgendeinen moralischen Wert dar, unabhängig davon, was wir vollbringen oder erschaffen?

Wir müssen die Moral davor bewahren, von der Wissenschaft vereinnahmt zu werden. Wir müssen geltend machen, was Philosophen und religiöse Lehrer zu allen Zeiten geltend gemacht haben: Dass es, abgesehen vom Überleben, etwas gibt, dass „das gute Leben“ genannt wird. Und unser Verständnis dessen muss uns vermittelt werden, so wie Mills Vater ihn die Elemente der aristotelischen Analytica posteriora gelehrt hat. Die Veranlagung für das Lernen mag uns gegeben sein; aber was wir lernen hängt davon ab, wie wir durch unsere Umwelt geprägt werden.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.