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Warum Indien gefährdeter ist als China

NEW HAVEN: Die Angst wächst, dass China und Indien die nächsten Opfer des derzeitigen Gemetzels innerhalb der Weltwirtschaft sein könnten. Dies hätte enorme Konsequenzen. Asiens Entwicklungsländer und neue Industrieländer wuchsen 2010-2011 um durchschnittlich 8,5% jährlich – fast dreimal so stark wie die restliche Welt mit ihren 3% Wachstum. Falls China und Indien als Nächstes fallen, wäre Asien in Gefahr, und es wäre schwer, eine globale Rezession zu vermeiden.

In einer wichtigen Hinsicht sind diese Sorgen verständlich: Beide Volkswirtschaften sind stark vom bereiteren globalen Klima abhängig. China ist anfällig für die Abwärtsrisiken bei der Außennachfrage – die wichtiger denn je sind, da auf das krisengeplagte Europa und die USA 2010 gemeinsam 38% seiner Gesamtexporte entfielen. Doch Indien mit seinem großen Leistungsbilanzdefizit und hohen externen Finanzierungsbedarf ist – bedingt durch die schwierige Lage an den weltweiten Finanzmärkten – in größerer Gefahr.

Freilich sind die Befürchtungen über eine harte Landung für beide Volkswirtschaften übertrieben, und insbesondere für China. Zwar zahlt China derzeit den Preis für die aggressiven Konjunkturimpulse, die das Land auf dem Höhepunkt der Subprime-Krise setzte. Das Bankensystem finanzierte die Masse der damaligen zusätzlichen Ausgaben und ist daher einer hierdurch bedingten Verschlechterung der Kreditqualität besonders ausgesetzt. Es gibt zudem Befürchtungen über eine Überhitzung am Immobilienmarkt und zunehmende Inflation.

Doch obwohl man keines dieser Probleme kleinreden sollte, dürften sie kaum eine harte Landung auslösen, denn die traditionell stabilitätsfixierte chinesische Politik hat schnell Vorsorge getroffen.

Dies lässt sich besonders an der erfolgreichen Kampagne der chinesischen Regierung zur Bekämpfung der Inflation erkennen. Die staatlichen Maßnahmen in der Landwirtschaft, die darauf abzielen, Angebotsengpässe bei Schweinefleisch, Speiseöl, frischem Gemüse und Dünger abzumildern, haben die Inflation bei den Lebensmittelpreisen verringert. Dies ist der Hauptgrund, warum die Gesamtinflation bei den Konsumgütern von 6,5% im Juli 2011 auf 4,2% im November fiel.

Zugleich hat die Chinesische Volksbank, die die einjährigen Kreditzinsen in den zwölf Monaten bis Oktober fünfmal auf schließlich 6,5% erhöht hatte, jetzt eine Menge Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik, sollte sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern. Dasselbe gilt für die Pflichtreserven im Bankensektor, wo die Regierung die vorgeschriebene Pflichtreservequote gegenüber dem vorherigen Höchstwert von 21,5% bereits um 50 Basispunkte gesenkt hat. Relativ kleine Haushaltsdefizite – die 2010 nur bei etwa 2% vom BIP lagen – bieten China ein zusätzliches Maß an politischer Flexibilität, sollten die Umstände diese erfordern.

Auch in Bezug auf die zunehmenden spekulativen Exzesse bei den Privatimmobilien war China alles andere als passiv. Im April 2010 setzte es strenge neue Vorschriften um, die die Anzahlungen für eine Erstimmobilie 20% auf 30%, für eine Zweitimmobilie auf 50% und für den Erwerb von drei oder mehr Einheiten auf 100% des Kaufpreises erhöhten. Diese Strategie scheint zu funktionieren. Im November fielen die Häuserpreise in 49 der 70 von China monatlich überprüften Städte.

Zudem ist es eine ernste Übertreibung, zu behaupten – wie viele es derzeit tun –, dass die chinesische Volkswirtschaft eine einzige enorme Immobilienblase sei. Es stimmt schon, die Anlageinvestitionen nähern sich nie da gewesenen 50% vom BIP, doch auf Immobilien entfallen hiervon lediglich 15-20% – nicht mehr als 10% der Gesamtvolkswirtschaft. Was die Fläche angeht, entfällt die Hälfte der chinesischen Investitionen in Immobilien auf den Wohnungsbau. Eine Ermittlung des Anteils an Immobilien, der privaten Bauträgern in dem rund einem Dutzend Städten der ersten Kategorie (auf die der größte Teil des Preisanstieges auf dem chinesischen Immobilienmarkt entfällt) zuzurechnen ist, legt nahe, dass weniger als 1% vom BIP durch einen Zusammenbruch des Wohnungsmarktes gefährdet wäre – nicht gerade ein Rezept für eine harte Landung.

Was die chinesischen Banken angeht, so scheint die Hauptgefahr für diese von der ausufernden kommunalen Verschuldung auszugehen, die sich laut Regierungsangaben Ende 2010 insgesamt auf rund 1,7 Billionen Dollar belief (rund 30% vom BIP). Vor der Krise hatten sie etwa die Hälfte dieser Schulden in ihren Büchern.

Bei einem Teil der aus Konjunkturmaßnahmen herrührenden Neuverschuldung könnte es irgendwann durchaus zu Ausfällen kommen, doch die zunehmende Urbanisierung – etwa 15-20 Millionen Menschen ziehen jährlich in die Städte – stützt die Nachfrage nach Investitionen in die Infrastruktur und den Bau von Wohnungen und Gewerbeimmobilien enorm. Dies mindert die Risiken bei der Kreditqualität und dürfte – zusammen mit dem relativ niedrigen Verhältnis von Krediten zu Einlagen von rund 65% – die Auswirkungen auf das chinesische Bankensystem abfedern.

In Indien ist die Lage problematischer. Es ist die einzige asiatische Volkswirtschaft mit einem Leistungsbilanzdefizit, und man sollte seine externen Finanzierungsprobleme daher nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wie in China geht auch in Indien das Wirtschaftswachstum zurück. Doch im Vergleich zu China ist dieser Rückgang ausgeprägter – das BIP-Wachstum fiel im dritten Quartal 2011 unter die Schwelle von 7%, und die Industrieproduktion auf Jahresbasis sank im Oktober tatsächlich um 5,1%.

Das wahre Problem jedoch ist, dass die indischen Behörden im Vergleich zu China sehr viel weniger politischen Spielraum haben. Zunächst einmal befindet sich die Rupie im nahezu freien Fall. Dies bedeutet, dass die indische Notenbank – die seit Anfang 2010 ihren Leitzins 13 Mal erhöht hat, um die noch immer ernsten Inflationsprobleme in den Griff zu bekommen – es sich kaum leisten kann, ihre Geldpolitik zu lockern. Zudem begrenzt ein großes konsolidiertes Haushaltsdefizit von rund 9% vom BIP Indiens fiskalpolitischen Handlungsspielraum.

Obwohl China in besserem Zustand ist als Indien, dürfte keine der beiden Volkswirtschaften von allein implodieren. Es bedürfte einer zusätzlichen Erschütterung, um in Asien eine harte Landung auszulösen.

Eine offensichtliche Möglichkeit wäre ein Unruhe stiftendes Auseinanderbrechen der europäischen Währungsunion. In diesem Fall könnten sich sowohl China als auch Indien (wie die meisten Volkswirtschaften weltweit) in ernsten Schwierigkeiten wiederfinden – mit einem klaren Rückgang der chinesischen Exporte so wie Ende 2008/Anfang 2009 und erhöhtem externen Finanzierungsdruck im Falle Indiens.

Während ich nach wie vor euroskeptisch eingestellt bin, glaube ich, dass sich die politische Entschlossenheit, die europäische Einigung voranzutreiben, durchsetzen wird. Von daher halte ich ein Auseinanderbrechen der Währungsunion für unwahrscheinlich. Von diesem ungünstigsten Fall abgesehen dürfte die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung in Indien oder China daher gering bleiben.

Der Westen hat sich von der politischen Ökonomie eines falschen Wohlstands verführen lassen und seine Macht vertan. Asien – getrieben von strategischem Denken und Stabilitätsbewusstsein – hat auf seinen neu gefundenen Stärken aufgebaut. Aber nun muss es sich neu erfinden. Eine Stagnation japanischen Stils in der entwickelten Welt fordert das bisher vom Außenhandel abhängige Asien heraus, sich auf die Binnennachfrage zu konzentrieren. Der Druck, unter dem China und Indien derzeit selbst stehen, verstärkt diese Notwendigkeit. Dies könnte ein entscheidender Moment für Asien sein.

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