Tuesday, July 29, 2014
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Warum fairer Handel?

LONDON – Historisch betrachtet hatte der Begriff “fairer Handel” schon viele Bedeutungen. 1881 wurde in Großbritannien die Liga für fairen Handel gegründet, um Importe aus dem Ausland zu begrenzen. In den Vereinigten Staaten werden Gesetze für “fairen Handel” von Unternehmen und Gewerkschaften dazu verwendet, um, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz ausdrückt, “Importe mit Stacheldrahtzäunen abzuwehren”.. Mit diesen sogenannten “Anti-Dumping”-Gesetzen können Unternehmen, die ausländische Rivalen verdächtigen, ein Produkt unter den Herstellungskosten zu verkaufen, beantragen, dass die Regierung gegen diese “unfairen” Wettbewerber spezielle Abgaben verhängt.

Solche finsteren protektionistischen Gedanken haben die wohlwollenden Organisatoren der jährlichen britischen “Fairtrade Fortnight” sicher nicht. Dort habe ich gerade zwei Tafeln fair gehandelter Schokolade und ein Glas fair gehandelte Erdnussbutter gekauft. Sie streben an, die Einkünfte der Bauern in den Entwicklungsländern für ihre Produkte zu erhöhen, indem sie die übertriebenen Profite der Zwischenhändler vermeiden, die ihre Güter zu weit entfernten Märkten bringen. Fair gehandelte Produkte wie Kakao, Kaffee, Tee und Bananen stehen nicht in Konkurrenz mit in Europa hergestellten Waren, also steht dahinter kein protektionistisches Motiv.

Es funktioniert so: Landwirtschaftliche Kooperativen in armen Ländern, die “vereinbarte Arbeits- und Umweltstandards” einhalten (Mindestlöhne, keine Pestizide), erhalten für ihre Produkte eine FAIRTRADE-Auszeichnung, die von einer Kontrollorganisation ausgestellt wird. Diese Zertifizierung ermöglicht es Supermärkten und anderen Einzelhändlern, für die Produkte einen höheren Preis zu erzielen. Bauern in der dritten Welt verdienen mehr, und Konsumenten der ersten Welt fühlen sich gut: eine perfekte Kombination.

Die Fair-Trade-Bewegung wurde in den 1980ern gegründet und ist seitdem schnell gewachsen. Einen Durchbruch erzielte sie 1997, als das britische Unterhaus entschied, nur noch fair gehandelten Kaffee zu verwenden. Ende 2007 verkauften über 600 Produzenten und Organisationen fair gehandelte Produkte, die ihre Waren von 1,4 Millionen Bauern aus 58 Ländern bezogen. Heute haben ein Viertel aller in Großbritanniens Supermärkten verkauften Bananen ein FAIRTRADE-Warenzeichen. Aber solche Produkte haben insgesamt immer noch einen sehr kleinen Marktanteil – meist weniger als 1% – des globalen Umsatzes von Kakao, Tee, Kaffee usw.

Der wirtschaftliche Zweck von Garantiepreisen ist bekannt: Eine Stabilisierung der Preise für Grundnahrungsmittel, die sonst stark schwanken würden, sorgt für ein sicheres Einkommen der Erzeuger. Deshalb wurde beispielsweise 1942 von John Maynard Keynes vorgeschlagen, für die Grundnahrungsmittel “Puffervorräte” anzulegen, die bei fallenden Preisen Nachfrage vom Markt nehmen und bei steigenden Preisen das Angebot erhöhen können. Keynes’ Vorschlag wurde nicht in das Bretton-Woods-Abkommen von 1944 aufgenommen, und auch, als solche Pläne in den 1970ern wieder aufgenommen wurden, konnten sie sich nicht durchsetzen.

Linke Ökonomen wie Raúl Prebisch haben später die Theorie der “Verschlechterung der Handelsbedingungen” für Primärprodukte entwickelt. Sie besagt, dass deren Preise langfristig gegenüber den Preisen von Industrieerzeugnissen fallen. Mitte der 1980er Jahre, als sich die Erzeuger einem ständigen Preisverfall ausgesetzt sahen, schien dieser Trend in Gang gekommen zu sein. Zusätzlich waren die Preisschwankungen damals sehr hoch, was schlimme Auswirkungen auf die afrikanischen Länder südlich der Sahara und andere Entwicklungsländer hatte, die weitgehend von Exporteinkünften aus Lebensmitteln abhängig waren.

Seitdem hat sich der Preisverfall allerdings umgekehrt. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind seit 2001 um 150% gestiegen. Dadurch hat sich auch unabhängig von den Bemühungen um fairen Handel das Einkommen der Bauern erhöht. Das Argument der “Verschlechterung der Handelsbedingungen” ist nicht mehr gültig.

Aber die Preise von Primärerzeugnissen schwanken weiterhin viel stärker als die von Industrieprodukten und Dienstleistungen, was zu großen Fluktuationen beim Einkommen der Produzenten führt. Dadurch werden die Effekte von Auf- und Abschwüngen verstärkt. Also ist das Thema der Preisstabilisierung immer noch aktuell.

Die Bewegung für fairen Handel kann kaum zur Lösung dieses Problems beitragen, da die einzige sinnvolle Politik zur Stabilisierung der Erzeugereinkommen in der Steuerung des Angebots besteht. Dies aber liegt jenseits der Möglichkeiten des fairen Handels.

Alle Arten von fairem Handel wenden sich gegen den “freien Handel”, und die gefährlichsten Angriffe gegen FAIRTRADE kamen von Befürwortern des freien Handels. In Unfair Trade, einer 2008 vom Adam Smith Institute herausgegebenen Schrift, behauptet Mark Sidwell, FAIRTRADE halte wettbewerbsunfähige Bauern auf ihrem Land fest und verhindere Diversifikation und Mechanisierung. Sidwell zufolge verwandelt das FAIRTRADE-Programm Entwicklungsländer in wenig profitable, arbeitsintensive Agrarghettos und verstellt zukünftigen Generationen die Chance auf ein besseres Leben.

Dies berücksichtige noch nicht den Effekt, den FAIRTRADE auf die Ärmsten in diesen Ländern habe – nicht auf Bauern, sondern auf Gelegenheitsarbeiter – die aufgrund teurer Regulierungen und Arbeitsstandards vom Programm ausgeschlossen sind. Anders ausgedrückt, schütze FAIRTRADE Landwirte gegen ihre Konkurrenz und gegen andere Landarbeiter.

Auch die Konsumenten würden betrogen, schreibt Sidwell. Nur ein kleiner Anteil von etwa 1% des Preisaufschlags, den wir für eine Tafel FAIRTRADE-Schokolade bezahlen, finde tatsächlich seinen Weg zum Kakaoproduzenten. Auch sei FAIRTRADE nicht notwendigerweise eine Garantie für Qualität: Da die Produzenten für fair gehandelte Produkte einen Mindestpreis bekämen, würden sie den besten Teil ihrer Ernte auf dem freien Markt verkaufen.

Aber trotz dieser wirtschaftlichen Schwächen sollte die Bewegung des fairen Handels nicht verachtet werden. Auch wenn Zyniker behaupten, dass sie nur dazu da sei, Konsumenten beim Kauf ein besseres Gefühl zu verschaffen – ähnlich dem Ablasshandel der katholischen Kirche – wird dies dem fairen Handel nicht gerecht. Vielmehr ist die Bewegung ein Protestfunken gegen gedankenlosen Konsum, ein Basiswiderstand gegen eine unpersönliche Logik und ein Ausdruck gemeinschaftlichen Handelns.

Diese Rechtfertigung wird Ökonomen, die eine trockenere Art der Argumentation bevorzugen, nicht überzeugen. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass wir es Wirtschaftswissenschaftlern und Bürokraten nicht immer recht machen müssen.

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  1. CommentedAlexis Lefranc

    Fair Trade was invented in the eighties to ensure raw material, in particular foodstuff, was bought from producers at a price reflecting the fluctuations of its bulk and retail value. In other words, it was a manner of trumping the distorting effects future speculation could have on the price of commodities, leading speculators to engross increasing profits while producers could be forced to sell at decreasing prices. This has actually happened a number of times since the 70s.

    Paradoxically, futures were invented in the early 20th century for precisely the same reasons: to bulwark US farmers against price fluctuations and the risks these entailed for the stability of their income.

    In any case, the Fair Trade movement does not envisage a "marriage in Heaven", but is designed to ensure small primary producers get a fair deal for their products in a globalised economy. Whether it achieves that goal remains in question, but not its primary aim.

    This should have been mentioned by Mr Skidelsky. Meanwhile, the statement according to which "the only serious policy for stabilising producers' income is to control supply" is not referenced, and certainly not considered as self evident in the literature on the subject as the author seems to think.

    In fact, as he himself points out: "the issue of price stabilisation has not gone away". One wonders then, why he thinks it is so easy to solve. A little more respect for movements aiming at making the economy fairer would be appreciated from an economist keen to appear in public as a proponent of fair opportunity thinking.


  2. CommentedJonathan Lam

    Gamesmith94134: why fair trade?

    After the effects of “barbed-wire barriers to imports” suggested by the businessmen and union members in US or the developed nations, they should understand the nature of their present financial crisis that they lost their competitiveness by a wide margin in the global term, and eliminate the choice for its people from affordability to growth because monopoly can level off its local innovation as well. Why can’t its industries be more effective or efficient to cut cost or lower price even after they met their competitions?
    Recently in China, I saw the railways imported from US, built in China in the 20s, they are still running. It was the top of technology for US, and we have the football team name Pittsburg Steelers----one of my favorite team. When the piece of the Oakland Bridge cracked, we must import it from China since we lost our competitiveness and effectiveness to pricing to the steel industry to China. Pittsburg Steelers turned into an icon for American Football and industry of its own, Subsequently, the township and its steel worker union had made the bureaucrats proud of the steel industry that even Americans cannot afford; but, they can complain the economists outsourcing the industries for profitability. I am not prudential in protectionism since I am not sure why people do not throw stone inside the glass house; but the greenhouse effect for labor is costly, and the consequence of protectionism is anemic to growth in all terms of all imports or exports due to the loss of local innovations or the profitability under the labor cost that industries compete both fair and unfair competitions including anti-dumping or tariffs.
    In the recent years after we reckon the deficits wrecked the developed nations, and the surpluses prospers the emerging market nations. Many suggested the zero sum fair trade that many developed nations are dumping their technologies like green industries with high prices to the emerging nations in order to create its equilibrium; however, the resistance is high since its benefits to its consumers are minimal. Therefore, I would expect the bases of its consumers must be expanded first that the low-earning labors in these nations must achieve its sustainable living standard to be benefited to the technology transfers; then, the level of consumerism should meet its need in order to create the chain reaction of the supply and demand. Perhaps, they also need education to gain control systematically through the structural developments based on the foundation of necessity and affordability. Otherwise, the ClubMed syndrome will repeat to spread throughout the emerging market nations too; and, it was how the PIIGS got affected since 92’ that tourism did not help them to produce much to the bases of consumers, instead, they were subdued by the corruption and deficits as well.
    “Mark Sidwell argues that FAIRTRADE keeps uncompetitive farmers on the land, holding back diversification and mechanization. According to Sidwell, the FAIRTRADE scheme turns developing countries into low-profit, labor-intensive agrarian ghettos, denying future generations the chance of a better life.”
    In assuring the outcome of the FAIRTRADE can be the coming generation, we must develop the appropriate system or superstructure for monitoring the process in opening the commodity markets for those developing countries. Perhaps, in order to stretch the safety net for the poor farmers or labor, I think the organizing the groups in common interest may use the cooperative system that the group of small farmers can bundle up in their corps or commodities to set their corporation to market their goods. However, I would recommend the Development Bank of the United Nations as the free agent for Fair Trade which these developments can be invested in the open markets, and the organized grower or producers can grow into corporations with co-operatives; since some of the developments may have involved with international financial system and assisted in the market system during the transactions. Also, there must be a representative for the grower and producer like Africa Union, ASEAN or EU to represent and ensure the normalcy of its productivity and transparency on the transaction of these commodities.
    That justification will not convince economists, who prefer a dryer sort of reasoning. But it is not out of place to remind ourselves that economists and bureaucrats need not always have things their own way. Finally, if we must open the bases for new consumers, we must give the poor farmer and labors a chance to taste the FAIR TRADE and move away from poverty, we must stop the monopoly and give free trade a chance; then these new consumers can save us from the present financial crisis. If we accept the fact that we do need to trade honestly and share generously among nations and countries of people; there must be a system to protect the coming generation of grower and producer and a superstructure of networks to assure everyone is applying at will.

  3. CommentedHenk van Trigt

    Fair trade, when including sustainability standards geared to mainstream retail like Utz Certified and Rainforest Alliance, is big in the Netherlands. Notably in chocolate and coffee, market shares are substantial and growing fast.

    The original Fair Trade movement with the Max Havelaar brand was the launching pad for this success. The initiative had an appeal to Dutch consumers who did not simply accept the outcome of market processes, but looked beyond them. What is the effect on livelihoods for poor producers in developing countries, and can we improve it?

    This drive in consumer markets has definitely helped improve livelihoods in producer countries to some extent. Also with an appeal to corporate social responsibility pushing retailers to offer certified sustainable products. Helped by scarcity, market prices for good quality sustainable produce have generally been good over the past years.

    It is uncertain whether consumers are willing to indefinitely pay premium prices for sustainably produced commodities. Hence it is essential that commodity producers in developing countries get their act together and become more organised and entrepreneurial. Not only production and products but also understanding markets, and acting upon it including by managing supply, are key to a better future for them, in both the short and long run. The fair trade movement and initiatives from industry are assisting them also in this respect.


  4. CommentedZsolt Hermann

    Although "fair trade" is a nice idea it cannot work until there is a deeper foundation to it.
    Today the purist economist view prevails, which is based on our inherent nature: maximum profit for me for minimum investment.
    If I could get what I want without paying for it, I would take it happily without taking anybody else into consideration.
    This is not a crime, as mentioned it is simply originating from our subjective human nature living by the "pleasure/pain" principle.
    So can we ever achieve true fair trade, true social equality, especially when we see that our previous "self profit" motivated system is falling apart?
    There is only one way we could achieve a fair human system: when we all feel that we are actually part of a single, united, totally interconnected system, and that my personal prosperity, success, health is totally dependent on the optimal function of the whole system
    And this is exactly that we are learning through this global crisis.
    At the moment we are learning it in the hard way, as we stubbornly try to continue with our self calculating way we are sinking deeper and deeper into the crisis, flirting with very unpredictable and volatile consequences.
    The wiser way would be to finally take into consideration the countless scientific and professional opinions, publications describing how our new, global and integral world functions and start adapting to its laws.
    Superficial adjustments will not work, only a fundamentally different human system can work, which is based on mutual consideration.

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