Gemeinsam mit der Weltbank, dem Open Society Institute und der Europäischen Kommission als Sponsoren veranstaltet die ungarische Regierung vom 30. Juni bis 1. Juli 2003 in Budapest eine Konferenz zum Thema ,,Die Roma im erweiterten Europa: Herausforderungen für die Zukunft". Im vorliegenden Artikel erörtern der Präsident der Weltbank und der Vorsitzende des Open Society Institute Probleme, die in Angriff genommen werden müssen.
In den Ländern Mittel- und Osteuropas verbringen Kinder und Jugendliche der Roma zu oft ihre Zeit auf Mülldeponien. Nachdem sie aus Geldmangel keine Schule besuchen können, durchsuchen sie den Unrat nach Altpapier und anderen verwertbaren Abfällen, um sich so wenigstens etwas Geld für Essen zu verdienen. Zu viele Roma-Familien leben in winzigen und oft überfüllten Holz- oder Blechhütten ohne Strom und Fließwasser und ohne Zukunftsperspektive. Ein ähnliches Bild, wenngleich in etwas milderer Form, bietet sich in Mitgliedsländern der Europäischen Union, wo ebenfalls Roma-Minderheiten leben.
Zwischen der europäischen Mehrheitsbevölkerung und den Roma oder ,,Zigeunern", von denen viele in extremer Armut leben, gibt es eine tiefe sozioökonomische Kluft. Wird dagegen nichts unternommen, droht diese Armut zu einer ständigen Belastung des europäischen Wohlstandes zu werden, was für Roma und Nicht-Roma gleichermaßen zu einer Tragödie werden könnte.
Die Situation der 7-9 Millionen Roma am europäischen Kontinent verdient die ungeteilte Aufmerksamkeit der Staats- und Regierungschefs, die gerade an der politischen Gestaltung eines erweiterten Europa arbeiten. Die Roma sind die am raschesten wachsende, aber auch die am wenigsten geschützte Minderheit. Um den Wohlstand in Europa nachhaltig zu sichern, ist es von entscheidender Bedeutung, ihre Zukunftsperspektiven zu verbessern. Dazu bedarf es der Umsetzung integrativer Strategien, um sicherzustellen, dass auch die Roma von den Vorteilen offener und freier Märkte in den Transformationsländern profitieren.
Tatsächlich gehörten die Roma zu den größten Verlierern der Transformation seit dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren sie vielfach die ersten, die ihre Arbeit verloren und aufgrund ihrer oft mangelhaften Ausbildung und der allumfassenden Diskriminierung blieben sie auch dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.
Selbst in den besser situierten Ländern Mittel- und Osteuropas ist die Armut unter den Roma enorm - oft zehn Mal höher als in der Mehrheitsbevölkerung. Obwohl Beitrittskandidaten wie Ungarn, Tschechien und die Slowakei seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beeindruckende wirtschaftliche und politische Fortschritte vorweisen können, bleibt der Umgang mit dem Elend der Roma eines der wichtigsten Themen auf ihrem Weg zum EU-Beitritt im nächsten Jahr und auch für das nächste Jahrzehnt.
Im Jahr 2000 lebten in Bulgarien und Rumänien beinahe 80 % der Roma von weniger als 4,30 Dollar am Tag. In der Mehrheitsbevölkerung lag dieser Anteil bei 37 % in Bulgarien und 30 % in Rumänien. Im wohlhabenderen Ungarn lebten 40 % der Roma unter diesem Einkommensniveau, aber nur 7 % der anderen Bevölkerungsgruppen.
Armut und eine höhere Geburtenrate bedeuten, dass sich die Not der Roma in den nächsten Jahren noch verschlimmern wird. Ungefähr 25-30 % aller Roma sind jünger als 15 Jahre. In der Mehrheitsbevölkerung liegt der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe bei nur 10 %.
Die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den jungen Roma, treibt sie in einen Teufelskreis aus Verarmung und Isolation, wodurch der Lebensstandard noch weiter sinkt und viele in Elendsbehausungen ohne Strom, sauberes Wasser oder andere Grundversorgung stranden.
Ohne Schulbildung bleiben die Roma vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, was ihre Zukunftschancen einschränkt. In den Beitrittsländern gehen geschätzte 600.000 Roma-Kinder im schulpflichtigen Alter überhaupt nicht zur Schule. Von denen, die eine Schule besuchen, schließen die meisten nicht einmal die Grundschule ab und in ganz Mittel- und Osteuropa besucht nur 1 % eine höhere Schule. Viele Schüler sitzen in miserablen Schulen für Roma-Kinder. Andere werden vielfach in Sonderschulen für geistig und körperlich Behinderte gesteckt, nur weil sie keinen Zugang zu Kindergärten und Vorschulen hatten oder nicht die Sprache der Mehrheitsbevölkerung sprechen.
Dennoch gibt es Anlass für Optimismus. In den letzten zehn Jahren wurde eine Reihe von Initiativen gestartet, um Roma-Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz zu erhöhen und die Diskriminierung zu überwinden. Obwohl derartige Interventionen von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und internationalen Behörden sehr hilfreich waren, ist es nun an der Zeit, die Bemühungen noch weiter zu verstärken.
Am wichtigsten erscheint aber die Tatsache, dass sich nun eine kleine aber erfahrene und engagierte Gruppe junger Roma-Führer herausbildet, die sowohl innerhalb der Gemeinden als auch mit den Regierungen arbeiten kann, um Armut und Diskriminierung zu überwinden.
Am Ende dieses Monats werden wir in Budapest neben Ministerpräsidenten, hochrangigen Regierungsvertretern aus Mittel- und Osteuropa und den EU-Ländern auch viele dieser jungen Menschen treffen. Zum ersten Mal werden Vertreter von Regierungen und der Roma die Probleme dieser Minderheit als vordringliches soziales und wirtschaftliches Anliegen erörtern. Es bedarf eines derartigen integrierten Lösungsansatzes um zu garantieren, dass den Roma ihre Grundrechte in einem erweiterten Europa auch wirklich zuerkannt werden. Wir können es uns nicht leisten, auf die Roma zu vergessen.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.