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Warum hören Volkswirtschaften auf zu wachsen?

MAILAND – Über die Jahre haben entwickelte und unentwickelte Länder manchmal absichtlich und oft unabsichtlich mit einer Vielzahl von Wachstumsansätzen experimentiert. Leider hat sich herausgestellt, dass in vielen dieser Strategien Begrenzungen oder Verzögerer enthalten sind – Elemente, die man “nicht nachhaltig” nennen könnte. Und um ernsthafte Schäden und schwierige Erholungen zu vermeiden, müssen wir lernen, diese sich selbst beschränkenden Wachstumsmuster von vornherein besser zu erkennen.

Hier sind einige Beispiele aus der wachsenden Liste von Wachstumsmodellen, die Verzögerer enthalten.

In Entwicklungsländern kann es eine Weile lang nützlich sein, die Importe zu substituieren, um die wirtschaftliche Diversifikation anzuschieben, aber mit der Zeit kommt das Produktivitätswachstum zum Stillstand, Wettbewerbsvorteile werden überrollt und das Wachstum kommt zum Erliegen.

Kleine, offene Wirtschaftsräume sind notwendigerweise zu einem gewissen Grad spezialisiert, was sie verletzlich gegenüber Schocks und Volatilität macht. Aber in Begriffen von Wachstum und Lebensstandard übersteigen die Kosten wirtschaftlicher Diversifikation, wenn diese nur zum Schutz der inländischen Industrien vor fremden Wettbewerbern eingeführt wurde, irgendwann den Nutzen. Es ist besser, Spezialisierung zu erlauben und effektive soziale Sicherheitsnetze und Unterstützungssysteme aufzubauen, um Menschen und Familien während wirtschaftlicher Übergänge zu schützen. Mit solch einer “strukturelle Flexibilität” können die großen Veränderungen besser erreicht werden, die für sich schnell entwickelnde technologische und globale Wirtschaftskräfte erforderlich sind.

Ein besonders deutliches sich selbst beschränkendes Muster für Wachstum und Entwicklung wird durch den Missbrauch des Reichtums an natürlichen Ressourcen bestimmt. Wenn Einnahmen aus natürlichen Ressource in Infrastruktur, Ausbildung und externe Finanzanlagen investiert werden, können sie das Wachstum steigern. Aber allzu oft verzerren solche Einnahmen wirtschaftliche Anreize, fördern Profitgier und verhindern die Diversifikation, die für Wachstum unentbehrlich ist.

In jüngster Zeit haben viele Industrieländer eine “neue” Art von Wachstumsmodellen mit eingebauten strukturellen Einschränkungen entdeckt: exzessiven privaten oder öffentlichen Konsum oder eine Kombination von beidem, was meist mit steigenden Schulden, aufgeblasenen Anlagepreisen und einem entsprechenden Rückgang der Investitionen einher geht. Dieser Ansatz scheint so lange zu funktionieren, bis die inländische Gesamtnachfrage das Wachstum und die Beschäftigung nicht mehr aufrecht erhalten kann, was dann entweder in schrittweiser Stagnation oder in einer massiven finanziellen und wirtschaftlichen Krise endet. (Tatsächlich mussten viele Entwicklungsländer dies auf die harte Tour lernen, aber die Industrieländer scheinen die Lektionen noch nicht gelernt zu haben.)

Aber auch das Gegenteil des Modells exzessiven Konsums – exzessive Abhängigkeit von Investitionen zur Erzeugung von Nachfrage – ist ein durch sich selbst eingeschränktes Wachstumsmuster. Wenn die privaten und sozialen Renditen der Investitionen zu stark zurückgehen, kann das Wachstum nicht ewig aufrecht erhalten werden, auch wenn steigende Investitionsraten die Gesamtnachfrage eine Weile lang stützen können. Dieses Wachstumsmodell zu ändern, ist eine der Herausforderungen, vor denen China heute steht.

Die Nachhaltigkeit von Wachstumsmustern wird auch durch steigende Ungleichheit der Möglichkeiten oder der Ergebnisse bedroht. Auch wenn Menschen in vielen Ländern einen gewissen Grad von marktbestimmten Einkommensunterschieden aufgrund unterschiedlicher Talente oder persönlicher Vorlieben akzeptieren, gibt es doch Grenzen. Wenn sie überschritten werden, ist das Ergebnis üblicherweise ein Gefühl von Unfairness, was zu Widerstand und letztlich zu politischen Entscheidungen führt, die die Ungleichheiten beseitigen, wenn auch manchmal auf kontraproduktive, wachstumsbehindernde Art.

Das vielleicht größte langfristige Nachhaltigkeitsproblem besteht in der angemessenen Nutzung der natürlichen Ressourcen als Grundlage der globalen Weltwirtschaft: Wenn die vier Milliarden Menschen der schnell wachsenden Entwicklungsländer das Einkommensniveau und die Konsummuster der Industrieländer erreichen wollen, wird sich die Produktion in den nächsten zwei oder drei Jahrzehnten mehr als verdreifachen. Um sich an diese Art von Wachstum anpassen zu können, müssen bestehende Strategien zur wirtschaftlichen Entwicklung signifikant angepasst werden.

Ein Teil dieser Anpassung wird von selbst geschehen, wenn steigende Energie- und Rohstoffpreise Anreize zum Sparen oder zur Suche nach Alternativen geben. Aber die nicht eingepreisten externen Umweltfaktoren – wie globale Erwärmung und Wassermangel – erfordern keine kurzsichtigen und reaktiven Einstellungen, sondern ernsthafte Aufmerksamkeit.

All diese sich selbst beschränkenden Wachstumsmuster haben tendenziell drei Dinge gemeinsam: Erstens werden in einer oder mehreren Dimensionen Teile der volkswirtschaftlichen Grundlage materieller, immaterieller und natürlicher Ressourcen zu sehr ausgebeutet. Als Teil dieser Vermögensgrundlage würde ich den sozialen Zusammenhalt sehen: Dieser wird durch exzessive Ungleichheit ausgebeutet.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Probleme der Messbarkeit. Es ist leichter, etwas herunterzuwirtschaften, das teilweise unsichtbar ist, weil es nicht regelmäßig oder effektiv gemessen wird. Um das Bewusstsein von Nachhaltigkeitsproblemen zu fördern, brauchen wir eine erweiterte Messbarkeit der Dimensionen wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Leistung.

Zweitens führen sich selbst beschränkende Wachstumsmuster dann zu sehr schlechten Ergebnissen, wenn sie nicht erkannt werden. Die Erwartungen übertreffen die Realität, und es ist schwierig, das System wieder zu einem nachhaltigen Wachstumsmuster zurück zu führen. Immerhin müssen Investitionsfehler der Vergangenheit wieder gut gemacht und gleichzeitig Zukunftsinvestitionen getätigt werden – eine doppelte Belastung, die der nächsten Generation aufgebürdet wird. Die Unfähigkeit, die Probleme von Verteilung und Fairness zu lösen, kann zu Stillstand, Zusammenbruch und lang anhaltender Stagnation führen.

Und schließlich beinhalten viele dieser fehlerhaften Wachstumsmuster Probleme mit dem Staatshaushalt. Entgegen der heute oft vorherrschenden Meinung steht beim Übergang zu einem nachhaltigeren Wachstumsmuster eine gewisse Menge keynesianischer Nachfrage für einen vernünftigen Zeitraum nicht im Widerspruch zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Haushalts. Im Gegenteil: Sowohl steuerliche Anreize als auch Konsolidierung sind, einzeln oder gemeinsam angewendet, notwendige Teile des Anpassungsprozesses.

Aber sie reichen nicht aus. Was fehlt und entscheidend ist, ist die Strukturumstellung der zugänglichen Gesamtnachfrage und die Wiederherstellung der heruntergewirtschafteten Teile der volkswirtschaftlichen Vermögensgrundlage, wofür strukturelle Umstellungen und Investitionen erforderlich sind.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff