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Warum haben die Wirtschaftswissenschaftler die Krise nicht vorhergesehen?

CHICAGO – Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise stellte die Königin von England meinen Freunden an der London School of Economics eine simple Frage, auf die es jedoch keine einfache Antwort gibt: Warum waren die Wirtschaftswissenschaftler nicht in der Lage, die Krise vorherzusehen?

Auf diese Frage existieren mehrere Antworten. Eine lautet, dass den Ökonomen Modelle fehlten, die das Verhalten, das zur Krise führte, berücksichtigen konnten. Eine weitere lautet, dass die Wirtschaftswissenschaftler Scheuklappen aufhatten, da sie sich auf eine Ideologie verließen, nach der einem freien und unbeschränkten Markt keine Fehler unterlaufen. Und schließlich lautet eine Antwort, die an Zuspruch gewinnt, das System habe die Wirtschaftswissenschaftler bestochen, damit sie schweigen.

Meines Erachtens liegt die Wahrheit woanders.

Es stimmt nicht, dass wir Akademiker keine brauchbaren Modelle hatten, um die Ereignisse zu erklären. Wenn man glaubt, dass die Krise durch eine Verknappung der Liquidität verursacht wurde, hatten wir viele Modelle zum Analysieren von Liquiditätsengpässen und ihren Auswirkungen auf Finanzinstitute. Wenn man glaubt, schuld seien die gierigen Banker und gedankenlosen Anleger, die sich mit dem Versprechen staatlicher Rettungspakete in Sicherheit wiegten, oder der Markt, der aufgrund irrationalen Überschwangs verrückt spielte, so hatten wir all dies ebenfalls äußerst detailliert untersucht.

Wirtschaftswissenschaftler haben sogar die politische Ökonomie der Regulierung und Deregulierung analysiert, sodass wir hätten verstehen können, warum einige US-Politiker den privaten Sektor dazu drängten, erschwinglichen Wohnraum zu finanzieren, während andere die private Finanzwirtschaft deregulierten. Doch irgendwie haben wir dieses Verständnis nicht zum Tragen gebracht und keine gemeinschaftlichen Warnrufe abgegeben.

Vielleicht war Ideologie der Grund: Wir hatten uns zu sehr der Vorstellung verschrieben, dass Märkte effizient sind, Marktteilnehmer rational und hohe Preise durch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten gerechtfertigt. Doch stellt ein Teil dieser Kritik am „Marktfundamentalismus“ ein Missverständnis dar. Die vorherrschende „Theorie der effizienten Märkte“ besagt lediglich, dass die Märkte das widerspiegeln, was öffentlich bekannt ist, und dass es schwierig ist, an den Märkten beständig Geld zu verdienen – was durch die Verluste bestätigt wird, die die meisten Anlegerportfolios in der Krise hinnehmen mussten. Die Theorie besagt nicht, dass die Märkte nicht abstürzen können, wenn es schlechte Nachrichten gibt oder die Anleger risikoscheu werden.

Kritiker argumentieren, die Fundamentaldaten hätten sich ganz offensichtlich verschlechtert und der Markt (und die Wirtschaftswissenschaftler) hätte dies ignoriert. Doch verzerrt das nachträgliche Wissen die Analyse. Um zu beweisen, dass die Wahrheit ignoriert wurde, können wir nicht auf eine einsame Kassandra wie Robert Shiller von der Yale University zeigen, der immer wieder behauptete, dass die Immobilienpreise untragbar waren. Schwarzseher gibt es immer, und oft liegen sie falsch. Es gab wesentlich mehr Ökonomen, die glaubten, dass die Immobilienpreise zwar hoch waren, es jedoch als unwahrscheinlich erachteten, dass sie generell fallen würden.

Selbstverständlich hätten diese Erwartungen ideologisch verzerrt sein können – es ist schwierig, sich in das damalige Denken der Wirtschaftswissenschaftler zurückzuversetzen. Doch gibt es einen besseren Grund für Skepsis gegenüber Erklärungen, die auf Ideologie beruhen. Als Gruppe haben weder die Verhaltensökonomen, die Markteffizienz für einen Witz halten, noch die progressiven Ökonomen, die den freien Märkten misstrauen, die Krise vorhergesagt.

Könnte Korruption der Grund sein? Einige Wirtschaftswissenschaftler beraten Banken oder Rating-Agenturen, halten Reden auf Investorenkonferenzen, dienen als Sachverständige und betreiben von Sponsoren geförderte Forschung. Es wäre nur logisch, uns der Befangenheit zu verdächtigen. Die Befangenheit könnte implizit sein: Unsere Weltsicht wird von dem geprägt, was unsere Freunde in der Industrie glauben. Oder es könnte sich um eine explizite Befangenheit handeln: Ein Ökonom könnte einen Bericht schreiben, der davon beeinflusst ist, was ein Sponsor hören möchte, oder er könnte ein völlig erkauftes Zeugnis ablegen.

Es gibt genug Beispiele für mögliche Befangenheit, sodass dieser Punkt nicht unbeachtet bleiben kann. Ein Gegenmittel wäre, sämtliche Interaktionen zwischen Wirtschaftswissenschaftlern und Unternehmenswelt zu verbieten. Doch wenn die Ökonomen in den Elfenbeinturm verbannt würden, wären wir vielleicht unbefangen, aber auch unwissend, was jegliche praktische Anwendbarkeit angeht – und somit noch weniger in der Lage, Probleme vorherzusehen. Eine Möglichkeit, das Vertrauen wiederherzustellen, könnte die Offenlegung sein – Wirtschaftswissenschaftler müssten ihr monetäres Interesse an einer bestimmten Analyse angeben und im Allgemeinen müssten wir erläutern, wer uns bezahlt. Einige Universitäten schlagen derzeit diese Richtung ein.

Doch glaube ich, dass die Korruption nicht der Hauptgrund dafür ist, dass der Berufsstand die Krise nicht erkannt hat. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler interagieren sehr wenig mit der Unternehmenswelt, und diese „unbefangenen“ Ökonomen schnitten beim Prognostizieren der Krise nicht besser ab.

Ich würde behaupten, dass drei Faktoren unser kollektives Versagen im Wesentlichen erklären: Spezialisierung, die Schwierigkeit, Vorhersagen zu treffen, und die Losgelöstheit eines Großteils der Ökonomen von der realen Welt.

Wie die Medizin sind mittlerweile auch die Wirtschaftswissenschaften äußerst stark aufgeteilt – Makroökonomen schenken den von Finanzökonomen oder Immobilienökonomen untersuchten Themen normalerweise keine Aufmerksamkeit und umgekehrt. Um die Krise jedoch kommen zu sehen, wäre jemand notwendig gewesen, der sich in jedem dieser Bereiche auskennt – genau wie es einen guten Allgemeinarzt braucht, um eine exotische Krankheit zu erkennen. Da in diesem Beruf nur sorgfältige, gut abgesicherte, aber notwendigerweise eng eingegrenzte Analysen anerkannt werden, versuchen wenige Ökonomen, Teilgebiete mit einzubeziehen.

Selbst wenn sie dies täten, würden sie vor der Abgabe von Prognosen zurückschrecken. Der Hauptvorteil, den universitäre Wirtschaftswissenschaftler gegenüber professionellen Prognostikern haben, könnte ihr erhöhtes Bewusstsein hinsichtlich festgestellter Beziehungen zwischen Faktoren sein. Was am schwierigsten vorherzusagen ist, sind jedoch Wendepunkte – wenn die alten Beziehungen zusammenbrechen. Obwohl es einige Faktoren geben mag, die Wendepunkte signalisieren – eine Steigerung der kurzfristigen Kapital- und Vermögenspreise kündigt z. B. häufig eine Krise an –, handelt es sich dabei nicht um unfehlbare Prädiktoren für kommende Schwierigkeiten.

Die dürftige berufliche Anerkennung für breit gefächertes Wissen führt zusammen mit der Ungenauigkeit und dem Risiko der Rufschädigung, das mit Prognosen verbunden ist, dazu, dass sich die meisten Akademiker zurückziehen. Zudem kann es gut sein, dass universitäre Wirtschaftswissenschaftler wenig über kurzfristige Wirtschaftsbewegungen zu sagen haben, sodass Prognosen mit all ihren Fehlern am besten professionellen Prognostikern überlassen werden.

Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Nichtbeachtung kurzfristiger Entwicklungen dazu führt, dass Wirtschaftswissenschaftler mittelfristige Trends ignorieren, mit denen sie sich sehr wohl beschäftigen können. Wenn dem so ist, könnte der wahre Grund, warum die Wissenschaftler die Krise übersehen haben, bei weitem banaler sein als unzulängliche Modelle, ideologische Verblendung oder Korruption und somit wesentlich beunruhigender; viele haben ihr einfach keine Beachtung geschenkt!

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